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Academics: Yale, Economics and Me.Samstag 02. Oktober 2010 06:53 Alter: 1 yrs
Rubrik: Yale
Teil 1: Yale. Yale bezeichnet sich selbst als eine der führenden Universitäten der Welt – und vergleicht sich selbst am liebsten mit Harvard. Der Auswahlprozess ist rigoros, die Zulassungsquote liegt im Bachelor bei 8%. Die besten Forscher arbeiten hier und nur die besten Doktoranden werden zugelassen. Yale Alumni werden Nobelpreisträgern und reihenweise Präsidenten der Vereinigten Staaten. Und über allem schwebt der Flair einer Ivy League Universität mit bestem Ruf, Budget und Ansehen, bekannt in der ganzen Welt. Bei soviel Lobhudelei sei eine Frage genehmigt: Zu Recht? To put it in a nutshell: Yes. Natürlich wird hier an dieser Universität auch nur mit Wasser gekocht. Aber eben mit verdammt gutem Wasser, denn Dichte der Forschung und die Qualität der Lehre ist überwältigend. Nicht nur das reine Angebot, über das ich vor einigen Wochen schon geschrieben habe, ist dafür ein Indiz. Auch die Fülle an Seminaren, Workshops, Lunches (= Vorträge während der Mittagspause) und Vorträgen zeigt, dass hier wirklich ein Austausch zwischen Wissenschaftlern stattfindet, ein gemeinsames Arbeiten an Themen und Projekten. An meiner Fakultät, die eine reine volkswissenschaftliche Fakultät ist, gibt es in der Regel in jeder Woche einen Workshop in jedem größeren relevanten Feld der Volkswirtschaftslehre. Micro, Macro, Development, Trade, Econometrics, Labour, Public Economics, Environmental Studies, Economic Theory, Financial Economics usw. In vielen Fächern gibt es dabei nicht nur einen Vortrag pro Woche von einem Doktoranden, Postdoc oder Professor außerhalb der Universität, sondern auch einen Vortrag eines Doktoranden aus Yale. Vieles davon ist „Work in Progress“, Forschung, die gerade erst angefangen wurde, eine neue Idee in einem alten Projekt, erste Ergebnisse einer aktuellen Studie – alles wird nach außen getragen und jeder Student kann kommen. Dazu gibt es noch große Fakultätskolloquien, die von bekannteren Professoren in regelmäßigen Abständen gehalten werden. Die meisten dieser Vorträge konzentrieren sich klar auf das fachliche Feld und sind nicht populärwissenschaftlich, versuchen also nicht die Finanzkrise einem Nicht-Ökonomen zu erklären (obwohl es diesen Typ Vortrag auch gibt, der eher dem Tübinger Studium Generale ähnelt). Diese Vorträge sind natürlich nur ein Puzzelstein im Forschungs- und Lehrgebilde – aber sie sind für mich ein gutes Beispiel dafür, dass diese Fakultät und Universität auch ihren guten Ruf verdient hat. Natürlich ist diese Dichte aber auch ein Produkt der reinen Menge an Professoren, die in den einzelnen Feldern hier arbeiten. Da hilft es eine Menge, wenn es nicht nur einen oder zwei Professoren gibt, die in einem Teilgebiet der VWL forschen, sondern gleich vier, fünf oder sechs – wobei man hier entweder Doktorand, Assistant Professor oder Professor ist. Auch eine dezidierte Lehrstuhlstruktur gibt es hier nicht – die Professoren eines „Fields“ arbeiten in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe, ohne großes Besitzstanddenken. Auch wenn hier viel Wert auf aktuelle Forschung gelegt wird, auf Lehre wird dabei nicht verzichtet. Viele der Professoren lehren selbst, auch wenn sie natürlich eine viel geringere Lehrverpflichtung als zum Beispiel in Deutschland haben. Häufig unterrichten Profs nur ein halbes Semester, dafür zweimal pro Woche, um dann die andere Hälfte an einen anderen Prof abzugeben und Zeit zum Forschen zu haben. Und auch hier hilft natürlich das entsprechende Budget, mit dem man eine beste Betreuungsrelation herstellen kann. Teil 2: Economics: Noch eine Sache ist mir in den letzten Wochen immer wieder aufgefallen: Wie sich die großen und bekannten Universitäten der USA untereinander die Forscher zuspielen. Die Wege von Harvard nach Yale, vom MIT nach Princeton und zurück nach Yale sind kurz und das nicht geografisch gesprochen. Ob als Undergrad, Grad oder Assistant Professor: Die Herkunft der meisten Professoren beschränkt sich auf wenige, bekannte Universitäten. Man braucht nur einmal die Faculty-Liste des Economics Department in Harvard anschauen (http://www.economics.harvard.edu/faculty) , um festzustellen, dass sich die bekannten Universitäten meist untereinander ernähren – und dabei gleich noch die „Peripherie-Universitäten mit, auch im Ausland. Erstaunlicherweise gilt das aber nicht für die Graduate-Studenten, die hier ihre Promotion beginnen: sie kommen aus der ganzen Welt. Natürlich sind hier auch wieder die bekannten Universitäten dabei (soll heißen: meist hat man von der Universität schon mal was gehört, auch wenn sie in Lateinamerika oder Italien liegt), aber Internationalität wird hier groß geschrieben. Das wiederum führt dazu, dass das Feld der Professoren hier wirklich international ist – viele, wenn nicht sogar die Mehrheit, kommt nicht gebürtig aus den USA. Aber mehr als einen Master hat nahezu keiner in seinem Heimatland gemacht. Heißt das, die Studenten aller anderen Unis sind dumm? Oder macht sie die Uni nicht gut genug? Es wird wohl eine Mischung aus beidem sein... Welche Konsequenz das für unsere Wissenschaft hat, ist mir noch nicht ganz klar. Wenn ich mir die Lehrbücher anschaue, mal abgesehen von ein paar klassischen deutschen Lehrbüchern im Grundstudium, dann sind die Konsequenzen groß: am Ende denken alle dasselbe. Die Kontrolle, die diese Universitäten mit den Lehrbüchern ausüben, ist wahrscheinlich größer als sie selbst vermuten – vielfach herrscht hier nämlich die Meinung, dass wichtige Teile der aktuellen Erkenntnisse und Forschung erst mit einigen Jahren Verzögerung im Rest der Welt ankommt und gelehrt wird (inzwischen bin ich mir da aber nicht mehr so ganz sicher, ob das nicht doch stimmt... siehe unten). In jedem Fall aber kommt einem die Welt der aktuellen Forschung, zumindest in der VWL hier sehr klein vor, auch wenn das objektiv gesehen wahrscheinlich nicht der Fall ist. Aber trotzdem... schaut einfach mal hier rein und prüft, woher die Professoren stammen: http://ideas.repec.org/coupe.html.
Natürlich müssen jetzt ein paar Einwände kommen: Erstens müssen die Doktoranden hier das ganze lernen, schließlich werden die meisten von ihnen später Professoren – und irgendjemand muss ja schließlich auch die mächtig komplizierten Paper verstehen und die komplexe Forschung voranbringen. Und wenn nicht in Yale – wo dann? Zweitens gibt es natürlich die Möglichkeit, dass ich mich in Tübingen einfach um die richtig anspruchsvollen Kurse gedrückt habe oder in den schweren Kursen mir nicht wirklich mühe gegeben habe, die Dinge zu verstehen. Letzterem räume ich inzwischen einen großen Stellenwert ein – ich frage mich gerade manchmal, wie ich jemals etwas anderes machen konnte, als zu studieren. Drittens habe ich in Tübingen ja noch nie Kurse gemacht, die auf einem „richtigen“ Doktoranden-Niveau stattgefunden haben. Und trotzdem – manchmal kommt mir mein Studium in den letzten Wochen eher wie ein Mathestudium vor, und das, obwohl ich mich bisher vor dem Griff zu den Real Analysis Büchern gedrückt habe (vor sechs Wochen wusste ich ja noch nicht einmal, was das ist). Alle, die bisher Tübingen für ein mathelastiges Studium gehalten haben: Ihr habt ja KEINE Ahnung! Und das schlimme daran ist: Das IST die aktuelle, wissenschaftliche Forschung in der VWL. Hier werden die Paper produziert, die in den nächsten A-Journals veröffentlicht werden. Und hier werden die Profs für morgen ausgebildet. [Ein PS an dieser Stelle: Manchmal wird ein kompliziertes Modell und ein großflächiger Einsatz komplizierter Mathematik als eine Abkehr von der Realität oder eine Vernachlässigung der Wirklichkeit betrachtet (siehe unsere große Tübinger Diskussion der letzten Monate). Die meisten Profs schaffen es hier aber, von ihren tollen „Assumptions“ wieder zurück zu kommen in die reale Welt – und gewährleisten damit die Anbindung ihrer Modelle und Bausteine an das, was uns wirklich interessiert.] Inzwischen entstehen jetzt bei mir einige Vorwürfe an meine bisherige Universität: Wie konnte die es ermöglich, so jemanden wie mir Noten zu geben, die mich hierher bringen konnten? (Ich weiß, das klingt jetzt hart. Alle, die sich da draußen jetzt Sorgen machen: es geht mir gut :-). Auf der anderen Seite, mal ganz ehrlich, musste sie mich hierauf vorbereiten? Und hätte sie dazu alle anderen Studenten auch dieser Kur unterziehen müssen (zum Beispiel durch eine vernünftige Mathevorlesung für höhere Semester)? Ja – wenn sie ihrem Anspruch gerecht werden will. Nein – wenn man bedenkt, was die meisten Studierenden wollen. Hier kommen wir an einen interessanten Punkt: Studieren wir VWL, weil wir die bisherigen Erkenntnisse über das Funktionieren unserer Volkswirtschaft (bzw. konkreter des Kapitalismus und der Marktwirtschaft) verstehen und anwenden wollen? Oder studieren wir, weil wir die Erkenntnisse der VLW voranbringen wollen? Je nach dem, wie man diese Antwort für sich beantwortet, wird anderes verlangt von einem Economics-Studium. Wie ich diese Frage beantworte? Gute Frage – ich weiß es noch nicht. Aber mir ist hierzu zumindest ein kleines Licht aufgegangen: Ich wurde in den vergangenen Wochen förmlich gelöchert, ob ich mich denn demnächst auch für ein PhD-Programm bewerben werde und was ich denn später mal machen möchte. Während ich vor einem Jahr noch versucht habe, in schwammigen Bewerbungsschreiben zu begründen, warum ich unbedingt nach Yale wollte (ihr wisst ja, die üblichen verdächtigen: guter Ruf, tolle Profs...), weiß ich zumindest jetzt, warum ich wirklich hierher wollte: Weil ich wissen möchte, was man mit „Economics“ wirklich anstellen kann. Welche Fragen man beantworten kann, welche Chancen und Grenzen unsere Techniken haben - und ob diese Wissenschaft es wert ist, vorangebracht zu werden – oder man lieber helfen sollte, sie besser anzuwenden. Zum Abschluss, nach all der Mathe, dem Negativen und meinen Fragezeichen: Ich genieße mein Studium hier. Ich lerne eine Menge, nicht nur in Mathe, sondern auch an Verständnis für Zusammenhänge, von Modellen, Schätzern und der Wirklichkeit. Und ich habe eine Menge Spaß in meinen Kursen, auch wenn sie viel zu viel Arbeit machen. Und dank meines Behavioral Finance Kurses werde ich zur Not halt doch noch Investmentbanker :-) | ||||
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