Bienvenida en Santiago de Chile
Sonntag 10. August 2008 06:59 Alter: 4 yrs
Rubrik: Semester Santiago
Von: Philipp
über zwei Wochen ist es jetzt schon her, dass ich die einmalige Chance habe, Santiago de Chile für ein halbes Jahr als Austauschstudent unsicher zu machen. Den ein oder anderen habe ich ja schon vertröstet, als ihr mehr Informationen per Email haben wolltet, damit ich nicht alles mehr fach scheiben muss. Da ich jetzt schon seit mehreren Tagen Teile diese Email im Kopf vorformuliert habe (es geht einem halt durch den Kopf, was man von all dem Erlebten hier weitergeben möchte), greife ich jetzt mal in die Tasten: Verehrte Passagiere, steigen Sie ein und lassen Sie sich verwöhnen und verzaubern von einer Welt, in der nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint und in der nichts mehr dort ist, wo man es erwartet: Bienvenida en Santiago de Chile.
Am Anfang eines Auslandsaufenthaltes steht das Unbekannte: Der Supermarkt, der Produkte verkauft, die zwar so aussehen, wie sie schmecken sollten, aber eher dem Schema eines Überraschungseies folgen; die Apotheke, die aussieht, als wäre sie ein Spielzeugladen gemischt mit einer Drogerie (keine Angst, ich musste noch in keine rein); die Ubahn, die aussieht, als wolle sie einen mitnehmen, um dann ihre Türen zu öffnen und grinsend zu sagen "Ich bin schon voll" (die Passagiere grinsen übrigens nicht); das schöne sonnige Winterwetter, das im ungeheizten Klassenraum gar nicht mehr so toll ist... Und dieses Unbekannte erkämpfe ich mir nun seit 15 Tagen, nachdem ich überraschend reibungslos mit einer Schweizer Airline hier in Santiago angekommen bin. Das einzige Überraschende an der Reise war einzig, dass wir ursprünglich /über/ die Anden fliegen wollten, bis wir dann an einem 8000er /vorbei/ flogen - dann kommt man sich plötzlich ziemlich klein vor.
Angekommen in Santiago, fängt die Endeckungsreise schon an: Zunächst kann ich natürlich keine Pesos mit meiner neuen Kreditkarte abheben (was daran lag, dass ich mir meine Online-PIN gemerkt hatte und nicht die richtige...). Dann muss ich feststellen, dass jeder, der bisher behauptet hat, die Spanier sprechen schnell, völlig untertrieben hat: Das Chilenische Spanisch (was hier weitläufig schon als Chilenisch bezeichnet wird) ist schlicht und einfach völlig unverständlich. Es ist nicht nur, dass die Chilenen schnell sprechen, sie sprechen auch noch völlig unverständlich, verschlucken unglaublich viele Buchstaben... Charly (die in Brasilien in mein Flugzeug gestiegen war) und ich hatten unsere Mühe, uns mit meinem Mitbewohner zu verständigen, der freundlicherweise uns vom Flughafen abgeholt hat. Meistens sagen wir nur freundlich "Si" und glücklicherweise fragt er nicht so allzu viel... Inzwischen geht es schon etwas besser, aber ich bisher noch niemanden getroffen, der so schlecht Spanisch spricht wie meinen Mitbewohner. Besonders faszinieren mich die kleinen Erfindungen, mit denen sich die Chilenen vom Castellano abheben, wie z.B. das Wort Cachai, (Sprich: Katschai), das dem Englischen "Did you catch ist?" entliehen ist und hier wirklich nach jedem Teilsatz eingefügt wird. Dann sollte man noch den Hueon kennen, das ist so eine Art bezeichnung für jedermann und alles, aber für Personen - so ein bisschen wie das französische Truc, das alles bezeichnet, außer Menschen. Wer hier überleben will, sollte auch noch wissen, dass Plata Geld heißt und man eigentlich nicht mit Pesos (die Währung hier) bezahlt, sondern mit Luka (das sind dann 1000 Pesos, ungefähr ein Euro zwanzig).
Auf der Fahrt vom Flughafen zur Stadtmitte bekommen wir das Santiago der Gegensätze zu sehen: Eine Riesenstadt, mit Vierteln wie aus Boston oder Chicago, Europas Innenstädten, Ostdeutschen Plattenbauten und lateinarmerikanischen Armenvierteln. Aber: im Gegensatz zu anderen Städten in Brasilien, Mexiko und anderen L.A.-Ländern gibt es hier keine richtigen Favelas, es gibt überall Licht, Strom und Wasser, die Straßen sind ordentlich und das Transportsystem funktioniert. Insgesamt ist die Stadt zwar riesig und unglaublich unterschiedlich in ihren Vierteln, gleichzeitig aber doch sicher, sehr sauber und gastfreundlich. (Um das nochmal zu betonen: Sehr sauber - ich habe glaube ich noch nie einen Ort gesehen, an dem so viel geputzt wurde wie hier, selbst Metrostationen werden eigentlich dauernd geputzt - was wahrscheinlich auch an den niedrigen Löhnen liegt, mit denen man hier einfach für alles jemanden anstellen kann, sogar fürs Klopapierausteilen vor öffentlichen Toiletten). Die Stadt liegt einfach malerisch, vor dem Hintergrund der Anden, umrundet von Gebirgszügen und doch nur 100 km vom Ozean entfernt. Von unserem Wohnzimmer sieht man die Schneebedeckten Anden... (siehe Foto). Ich möchte euch diese Video nicht vorenthalten, das euch einen kleinen Eindruck der wunderschönen Lage der Stadt geben kann: www.youtube.com/watch (für nicht-Eingeweihte: Die Höhenangaben sind nicht alle so ganz korrekt ;-) ... ).
Die Metro ist auch noch eine Erwähnung wert: Sie ist einfach nur voll. Vor allem morgens und abends muss man teilweise am Bahnsteig mehrere Metros abwarten, bis man sich in eine hineinquetschen kann - und das bei einem 3min-Takten. Manchmal kommt es schon vor, dass eine Metro im Bahnhof stehen bleibt, um zu warten, bis die nächste aus der nächsten Station rausgefahren ist... Diese Schwäche der Metro liegt vor allem an dem drei Jahr alten Versuch, das Bussystem zu vereinheitlichen, das zunächst zu einem völligen Chaos geführt hat und auch heute noch eine totale Unterversorgung bedeutet. Gücklicherweise muss ich zur Uni in eine Richtung, die weniger nachgefragt wird und nicht umsteigen, sodass ich getrost nur 25 min. vor Vorlesungsbeginn aus dem Haus gehen kann.
Meine Universität, Universidad Católica de Chile, ist das reinste Paradies für hiesige Verhältnisse. Superkleine Klassen, Professoren, die teilweise bei der Zentralbank arbeiten oder unter Pinochet (!) Wirtschaftsminister waren, die Universität besitzt einen Fußballclub in der ersten Liga, ein Theater, 18 Fakultäten mit allen Fächern und zieht Jahr für Jahr nicht nur die besten Studenten Chiles, sondern ganz Lateinamerikas an (in manchen Kursen sitzen 1/3 Austauschstudenten, 1/3 Chilenen und 1/3 Lateinamerikaner, die ihren Master in Santiago machen). Die Universität war in der Militärdiktatur maßgeblich an der extrem neoliberalen Wirtschaftspolitik beteiligt. Eine große Rolle spielten dabei die Chicago-Boys, die unter Milton Friedman gelernt haben und eine besondere Beziehung zwischen Chicago und der Católica geführt haben. Mehr dazu in diesem sehr interessanten Video: www.pbs.org/wgbh/commandingheights/shared/video/qt/mini_p02_07_300.html. Mehr über die Uni werde ich wohl mal in einer extra Mail schreiben, ich habe da nach zwei Wochen schon so einige Erfahrungen gemacht - eigentlich alle sehr positiv, vor allem inhaltlich, die Studenten hier können sich in vielen Dingen mit denen aus Tübingen messen, auch wenn es vielleicht etwas länger dauert, bis sie auf dem Niveau ankommen, da hier das Gymnasium einfach deutlich kürzer ist. Inhaltlich finde ich es super spannend, mal aus einer anderen Perspektive in Dinge wie Trade oder spezifische Probleme Lateinamerikas reinzuschauen - doch dazu ein Andermal.
Die Betreuung der Austauschstudenten ist bestens, über Einführungsveranstaltungen, Infomaterial, Ausweise (wir mussten uns noch nicht mal einschreiben, der Ausweis mit Emailadresse und Login war schon fertig!), Partys, Tandems, Führungen ist alles da. Die erste Woche gab es Gelegenheit, in alle Kurse reinzuschnuppern, bis wir uns am zweiten Montag entscheiden mussten, was wir wählen. Auch die Ausstattung kann sich sehen lassen und die Uni besitzt einen wunderschönen Campus, auf dem sich sogar Cafeterien befinden, die etwas anderes als Fastfood verkaufen. Letzteres scheinen die Chilenen zu mögen, genauso wie Pisco, das Nationalgetränkt. Dabei handelt es sich um einen Weinbrand mit 35-50%, den man mit Cola (Pis-Cola) oder auch Limettensaft und Zucker misch (Pisco sour). Letzerer produziert mit guter Zuverlässigkeit Kopfschmerzen und andere Nachwirkungen...