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Das Schild auf der Stirn

Mittwoch 20. August 2008 15:40 Alter: 4 yrs
Rubrik: Semester Santiago

Von: Philipp

Ausländer sein, was ist das? Was bedeutet Integration? Wer diese Fragen liest, denkt wahrscheinlich an politische Diskussionen im Fernsehen oder in der deutschen Presse, die man am besten noch mit dem neuen Einwanderungstest kombiniert und so ein Gemisch aus Vorurteilen, Mitleid und Distanz, von der eigenen Unbeteiligung überzeugt, an die Seite schiebt. Im besten Falle rühmt man sich dann selber dafür, mit einem Sprachtandem oder der Asylstelle der Kirchengemeinde ein wenig Gutes zu tun und schätzt die Bedeutung der ganzen Situation gar nicht mal als so groß ein, wenn man an das gelungene Integrationsbeispiel aus der Nachbarschaft oder im eigenen Freundeskreis denkt, deren beispielhafte (natürlich deutsche) Staatsbürger am akademischen und wirtschaftlichen Leben des Landes teilnehmen.

Zugegeben, diese drastisch ironischen Formulierungen entstammen einer persönlichen, subjektiven und emotionsbasierten Situation. Doch heute habe ich verstanden, was es heißt, sich als Ausländer zu fühlen – zu meinem Erstaunen mal wieder, was erneut zeigt, wie weit doch theoretisch verstehen und praktisch begreifen auseinander liegen. Zwar wissen wir (oder behaupten zumindest, es uns vorstellen zu können), wie es sich anfühlt, wenn man Außenseiter ist oder etwas anders als der Rest der Gesellschaft. Wir glauben auch, die Probleme zu kennen, die Ausländer haben, wenn sie versuchen, am normalen Leben eines gutdeutschen Bürgers teilzunehmen. Natürlich kennen wir die sprachlichen Barrieren, wenn wir in Frankreich versuchen „cat’ bagett“ zu kaufen oder in England zum Abschluss ein „desert“ zu verspeisen. Aber wissen wir wirklich, was es heißt, wenn man einfach nicht mehr auffallen will, wenn man einfach sein will wie die anderen, sich auf die Sache konzentrieren, als Diskussionspartner ernst genommen werden? Vielleicht muss man es erfahren...

Es ist natürlich nicht so, als wäre es mir heute, nach drei Wochen Aufenthalt in Santiago de Chile, zum ersten Mal passiert, mich als Ausländer zu fühlen. Sehr gut ist mir noch meine erste Teilnahme am Sportkurs Acondicionamiento Físico in Erinnerung, zu dem ich etwas zu spät kam, da ich das System der Schließanlagen nicht verstanden hatte und mich in der falschen Umkleidekabine umzog. Zunächst schloss ich mich einem großen Pulk an, in dem es einfach war, sich zu verstecken und so zu tun, als sei man ein ganz normaler Student. (Normal? Schwierig, wenn man alle um einen Kopf überragt, keinen chilenischen 10tage-Bart hat und dazu auch noch blonde Haare – nur die Frisur trifft es einigermaßen.) Schließlich fingen wir nach kurzem Warmhüpfen an, uns in einen Kreis um den Prof zu stellen, womit das Malheur seinen Lauf nahm. Ein Kreis! Etwas schlimmeres gibt es eigentlich nicht, um sein eigenes Tun und Lassen in bestem Blickfeld der Anderen zu exponieren und auch noch dabei beobachtet zu werden, wohin man gerade blickt. Naja, jedenfalls beging ich den Fehler, die Anweisungen nicht richtig zu verstehen und griff mit dem falschen Arm das falsche Bein fürs Dehnen, worauf ausgerechnet bei mir eine Lücke im Kreis entstand. Der Prof sprach mich an, ich verstand nicht – bis ein Blick in den Kreis meinen unangenehmen Verdacht bestätigte, dass alle Blicke nur auf mich gerichtet sein konnten. Darauf hin begriff ich mein Fehlverhalten, korrigierte es und wurde nun auch noch etwas gefragt. Mein eigentlich ganz gutes Spanisch versagte unter entsprechenden Versagensängsten nach drei Wörtern und kurze Zeit später versuchte es der Prof erneut, in meiner geistigen Abwesenheit mich anzusprechen, was ich erst bemerkte, als er mit einem lauten „Do you understand?“ der lustigen Kaffeerunde endgültig klar machte, dass ich kein normaler Student war. Glücklicherweise war ich geistesgegenwärtig genug, auf Spanisch zu antworten, worauf hin ich mich eigentlich rehabilitiert sah. Leider demonstrierte die seltsam in der Luft liegende Distanz zwischen mir und den anderen Teilnehmern später, dass dem bei weitem nicht so war und meine Gesprächsteilnahme während des Sporttreibens reduzierte sich entsprechend auf die üblichen Fragen, die man einem Austauschstudenten so stellen kann (... bitte kurz selbe überlegen, erfordert keine sonderlich kreativen Smalltalk-Fähigkeiten...). Leider waren diese Gespräche trotz meiner Bemühungen, meine Spanischfähigkeiten zu demonstrieren, nicht sonderlich erfolgreich, was ich spätestens dann merkte, als mich ein Kursteilnehmer nach der Uhrzeit fragte, in dem er in Zeichensprache seine Frage formulierte... So lustig sich die Situation jetzt anhören mag, so dämlich kommt man sich vor, wenn man eine Stunde mit einem imaginären Schild auf der Stirn herumläuft: AUSLÄNDER. Inzwischen hat sich nach 6 Sportstunden die Situation deutlich gebessert und man spricht mit mir in normalem Umfang, auch wenn ich mir meiner Meinung nach noch deutlich zu oft erklären lassen muss, was der Prof jetzt gerade von uns wollte.

Was will ich damit sagen? Zunächst mal nichts anderes als meine Erinnerungen festzuhalten; wie es sich anfühlt, wenn man mit einem imaginären Schild auf der Stirn rumläuft, das man einfach nicht wegbekommt. Es kann sicherlich in Frage gestellt werden, ob man es denn überhaupt wegbekommen möchte – schließlich ist es eine tolle Ausrede für jede freundliche Bitte. Gleichermaßen könnte man mir vorwerfen, nach drei Wochen schon zu viel zu verlangen. Aber ich zweifle, ob meine Einstellung anders wäre, wenn so ein Schild nach vier Monaten auf meiner Stirn kleben würde.

Was also verlangen wir von uns selbst? Sollten wir uns dazu auffordern, fremden Leuten nicht gleich ein solches Schild auf die Stirn zu kleben? Kann uns das gelingen? Gehören wir nicht selber zu der Klasse von Menschen, die sich umschaut, wer in der Klasse gerade in gebrochenem Deutsch versucht, etwas zu sagen? Das ist ja das Schlimme – dass man sich selber nur allzu gut wiederfinden kann und ganz genau weiß, was die anderen jetzt gerade Denken, wenn man verzweifelt nach dem Wort sucht, um dem Lehrer eine Antwort zu geben. Eine solche Situation hat diesen Artikel heute ausgelöst:

Ich habe heute beschlossen, den Versuch zu unternehmen, eine Frage in der Klasse zu beantworten. Vorgeschichte. Economia International nennt sich der Kurs, dessen Prof meines Erachtens die größten Fähigkeiten zum Erklären hat, die ich bisher gesehen habe. Die Chilenen (ca. 50) folgen extrem gut und rufen auf Fragen meistens direkt die Antwort hinein, bevor ich die Frage überhaupt verstanden habe. Genau das ist das Problem: Der Prof spricht unglaublich schnell. So schnell, dass seine Erklärkunst zwar teilweise ankommt, sie aber selten in dieser Brillanz auf mein Papier gebracht werden kann. Ich habe in diesem Kurs schon zwei Mal eine Frage gestellt und dies auch ohne allzu große Aufmerksamkeiten überlebt, genauso wie ich mit dem Prof gesprochen habe, der mir gegenüber Austauschstudenten sehr aufgeschlossen vorkam. Leider habe ich es noch nicht geschafft, eine Lerngruppe zu finden, da ich mich a) noch nicht wirklich getraut habe, Studenten zu fragen und b) meine Kontaktversuche zu einer Gruppe von Studis eher weniger erfolgreich waren. Weder hatte ich das Gefühl, dass sie wirklich Lust hatten, mir etwas zu erklären, noch waren sie in irgendeiner Form so einladend, dass ich Lust hätte, noch weitere Fragen zu stellen. Schließlich fühle ich mich von den Gruppenmitgliedern, mit denen ich nicht gesprochen habe, verstärkt beobachtet. Noch Fragen zu meiner Paranoia? Heute dann der krönende Abschluss: Mein Versuch, eine Frage zu beantworten, auf die keiner antworten wollte (ein Phänomen, das hier nur passiert, wenn wirklich niemand etwas weiß, nicht wie in Tübingen, wo keiner Lust hat, zu antworten...). Leider habe ich wohl die Frage nicht richtig verstanden und mich schließlich in meinen Spanisch-Kenntnissen verloren, sodass ein paar Leute angefangen haben zu kichern und der Prof eigentlich gar nicht mehr auf meinen Antwortversuch eingegangen ist, sondern selber erklärt hat. Jetzt wusste ich genau, was die Anderen dachten: Mein Gott ist das peinlich, hoffentlich hört er bald auf... Genau das wäre wahrscheinlich unsere Reaktion, wenn wir im Hörsaal säßen und sich jemand melden würde. Aber ich will teilnehmen! Ich will zeigen, dass ich die Materie verstehe und nur sprachliche Barrieren mir den Weg verbauen. Statt dessen bleibe ich hinter der Mauer und klage über die Meta-Ebene, während der eigentlich Inhalt zurück bleibt...

Schritt zurück. Spätestens hier wird jeder vernünftige Leser innehalten und mich für meinen Ehrgeiz nach drei Wochen bedauern, sowie die Relevanz dieses Textes angesichts der subjektiven Wahrnehmung anzweifeln. Aber: ich habe euch gewarnt! Und ich habe nur eine Frage gestellt: Was bedeutet es, Ausländer zu sein? Meine Antwort für heute: Reduziert zu werden, reduziert vom Thema, von der Vielfalt, von der Teilnahme, vom eigentlichen Kern eines Gesprächs, einer Unternehmung, einer Bitte. Reduziert auf eine Eigenschaft. Und wir alle haben daran Teil. Jeden Tag.


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