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Das Wissen der Welt auf PapierSonntag 15. November 2009 01:06 Alter: 3 yrs
Rubrik: Seitenhieb
Wenn mich nicht alles täuscht, jage ich derzeit ein Phantom. Es ist ein gedrucktes Exemplar der Gattung, der man derzeit im Hause Karstadt-Quelle vorwirft, die Welt brauche es nicht mehr. Ein Objekt, das den Wissensschatz der Welt, die Prachtstücke eines Museums oder die schnöden Angebote eines Warenhauses in Form und Übersicht brachte. Ein Mittel, um viele scheinbar nicht zusammengehörige Dinge in eine übersichtliche, grafisch ansprechende und physisch greifbare Form zu bringen, die in ihrer Gesamtheit behauptet, eine Einheit zu bilden und vollständig zu sein: Der Katalog. Doch dann kam etwas, das den Katalog an den Rande seiner Existenzberechtigung beförderte, ihn in seiner Gesamtheit und vor allem seiner physischen Version in Frage stellte und an den Grundfesten der organisierten Druckbarkeit lose zusammenhängender Dinge rüttelte. Mit dem Aufstieg des Internetzeitalters und dem Beginn des privaten Hausdruckimperiums begann das Ende des gebündelten Kataloges: Nicht nur Deutschlands größter Versandhandel brachte es dabei an den Rande der Insolvenz, auch an der traditionsreichsten Universität Südwestdeutschlands traf es mit vernichtendem Schlag einen Katalog, der wie niemand anders für gebündelte Vielfalt stand: Das gedruckte Vorlesungsverzeichnis. Am Ende einer glorreichen Zeit, die mit dem Buchdruck begonnen hatte und auf Millionen Seiten die universitäre Vorlesungsvielfalt zum Ausdruck brachte, steht nun eine schnöde DINA-4 Seite in hoffentlich recyceltem Papier, gedruckt vom neuesten Epson-Drucker im WG-Zimmer eines beliebigen Studentenhaushaltes. Es zeigt die Vorlesungen, die der Studierende im Internet beim Blättern in der elektronischen Ersatzversion für hörens- und druckenswert empfand und beschloss, in seiner ganz persönlichen Form zu verewigen: Quer und mit Spalten oder hochkant und in Farbe, getackert, gelocht oder sogar individuell geheftet? Oder handelt es sich am Ende nicht doch um den Beginn der Zettelwirtschaft in Form lose herumwirbelnder Blätter, deren Seitenzahlen einer Folge von Primzahlen gleicht und die auf Dauer mit Eselsohren versehen zwischen tausenden weiterer Ausdrucken mehr oder weniger sinnvoller elektronischer Erzeugnissen und Zwischenversionen verschwinden? Man möge sich die Schlieren des falsch eingestellten Farbdruckers, die Wellen im Papier eines zu heißen, zu billigen Laserdruckers oder wahlweise die Blässe einer ausgegangenen Druckerpatrone vorstellen, um das Bild des institutionalisierten Druckgeschehens im Leben eines Studierenden zu komplimentieren. Diesen, man möge lobend sagen „individuellen“ Druckerzeugnissen geben wir also den Vorzug, wenn der Griff ins Regal und der Blick in das blaue, ordentlich gebundene Vorlesungsverzeichnis in das prä-elektronische Zeitalter verbannt wird. Ist dies die Aufgabe eines allumfassenden Wissensverständnisses, wenn nur noch die Angebote eines jeden größeren Anbieters weltlicher Güter in Katalogform gedruckt werden, die Erzeugnisse einer Universität aber in elektronischen Bahnen ihr Schicksal fristen? Wenn der Studierende noch nicht mal mehr zufällig über die Vielzahl anderer Veranstaltungen außerhalb seines Fachgebietes stolpert, wenn er aus reiner Neugier geleitet durch die gebundene Version Tübinger Vorlesungen blättert? Mit Nichten. Es ist die Aufgabe des Versuchs, ein Relikt aus einer Zeit aufrecht zu Erhalten, in der das Buch den Zugang zu Wissen erst ermöglichte und nur die Aufbereitung in Form eines Verzeichnisses der Gesamtheit einen für alle sichtbaren Rahmen geben konnte. Und es ist die Verabschiedung eines Phantoms, das die Studierenden selbst schufen, als sie mit Füßen und Mäusen abstimmten und so vom elektronischen Bruder des Katalogs Gebrauch machten, dass die Meisten der über 20.000 Studierenden heute gar nicht mehr wissen, dass es ein gedrucktes Vorlesungsverzeichnis gibt – oder, um den Grund dieses Textes nicht zu verschweigen – gab. Auf diese Weise ist die Verabschiedung vom gedruckten Vorlesungsverzeichnis nichts anderes als die Fortsetzung einer elektronischen Revolution, die weiß Gott nicht weniger Papierverbrauch und erst Recht keine schöneren Druckerzeugnisse hervorbrachte. Aber sie gesteht es jedem Studierenden zu, seine eigene und ganz individuelle Version des Vorlesungsangebotes seiner Universität zu erzeugen und so zum Createur seiner eigenen wissenschaftlichen Karriere zu werden – wenn das nicht Ausdruck wissenschaftlicher Freiheit ist, was dann? Bleibt zu hoffen, dass er sie nutzt. | ||||
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