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Der verfehlte Bachelor – eine self-fullfilling Prophecy?

Montag 15. März 2010 01:00 Alter: 2 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft

Von: Philipp Stiel

Die „Bachelorisierung“ des Studiums verbaut mehr Möglichkeiten, als sie schafft. Zu groß sind die Hürden für ein Auslandssemester, zu klein der Raum für selbstständiges Lernen oder Arbeiten und zu eng die Grenzen für wahre Horizonterweiterung. So ähnlich hört sich das öffentliche Urteil über die neuen, nach dem Bologna-Prozess ausgerichteten Studiengänge an. Aber sind es wirklich die Rahmenbedingungen des Bachelor-Studiengang, die zu solch unerwünschten Ergebnissen führen, oder eher die negativen Erwartungen an eben jenen?

Denn was ist der beste Weg, einen Studenten von seinen Auslandssemesterplänen abzubringen? Ihm immer wieder zu erzählen, wie schwer doch die Anrechnung und Integration ins Studium ist. Wie sorgt man am einfachsten dafür, dass alle Studenten denselben Studienablauf wählen und ihre Kreativität und Eigeninitiative reduzieren? In dem man immer wieder darüber schreibt, wie eng und strikt doch die neuen Studienpläne sind. Und wie kann man Erstsemestern schon vor ihrem Studium den neuen Abschluss madig machen? In dem man fleißig titelt à la „Macht Studieren dumm?“.

Deutschland befindet sich auf dem besten Wege, seine Erstsemester auf ein Studium vorzubereiten, dass es so eigentlich gar nicht geben müsste – einen verschulten Bachelor, in dem Studierende ihren vollgepackten Stundenplänen hinterher hechten, bei jeder Krankheit Angst vor dem Entzug der Prüfungserlaubnis haben und ihre eigenen Träume eines interdisziplinären und weltoffenen Studiums an den Nagel hängen. Warum? Weil unsere Journalisten, Studenten und sogar Professoren zunehmend der Meinung sind, sie müssten sich gegen das neue Studiensystem verbünden.

Zugegeben, es gab in vielen Studiengängen enorme Fehler und Probleme, haben die Professoren doch die Gelegenheit genutzt, ihre Regeln zu verschärfen und gleichzeitig unbemerkt die Hürden für viele alte „Extravaganzen“ des Diploms erhöht. Zugegeben, die Hochschulreform hat auf diese Weise noch nicht in der Fläche ihre Ziele erreicht, die Mobilität der Studierenden ist nicht gestiegen, der Bachelor bei weitem noch nicht „berufsqualifizierend“ und die Zahl der Absolventen nicht gewachsen.

Und trotzdem ist es die schlimmste Medizin für einen angehenden Erstsemester, ihm diese Erkenntnisse auf dem Tablett zu präsentieren und ihm in diversen Top-Themen großer Tageszeitungen und Magazine vor Augen zu führen, wie schlecht doch das eigene Studium werden wird. Denn genau dann schlägt die Waffe der self-fullfilling Prophecy zu, wird die Mauer vor dem eigenen Auslandsstudium höher und die Augen größer, wenn man erfährt, dass eben weniger als die Hälfte in Regelstudienzeit ihren Bachelor macht – ein Viertel ist schneller und ein Viertel – ganz bewusst – langsamer. Genau dann, wenn die Zeitungen den neuen Erstsemesters erklären, wo die Probleme ihres Studiums liegen, werden sie diese erschaffen oder vertiefen. Denn genau dann wächst die Angst, Außergewöhnliches zu wagen, einen individuellen Weg zu wählen und sich für tiefere Erkenntnisse (Studien-)Zeit zu nehmen.

Und das, obwohl doch jeder Studierende in unserer Gesellschaft das Recht haben sollte, sich sein eigenes Studium eben nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Er sollte die Fähigkeiten vermittelt bekommen, um die Umfahrung vorhandener Klippen alleine zu meistern und um trotz aller auftretender Schwierigkeiten trotzdem noch glücklich im eigenen Studium zu sein. Er sollte nicht getäuscht werden über die Herausforderungen und Fehler im System – und trotzdem sollte er sich nicht vor dem System verneigen und ergeben.

Und so kann die einzige vernünftige Botschaft auch an unsere Erstsemester nur lauten: Nimm zur Kenntnis, was man über Dein eigenes Studium sagt und schreibt – aber Du solltest nicht verinnerlichen, was Du selbst nicht erlebt hast – denn gerade hier in Tübingen stehen Dir Tor und Türe offen für Deinen eigenen Plan, für Deine eigenen Wünsche und für Deine eigenen Chancen: Nutze sie!


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