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Finanzkrise Teil 2: Die SchuldfrageFreitag 24. Oktober 2008 03:25 Alter: 4 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft, Semester Santiago
Nach einem schweren Autounfall kommt zunächst der Krankenwagen, dann der Notarzt und wenn es schlimm kommt, wird operiert. Bei komplizierteren Eingriffen muss der Patient anschließend in die Reha, wo er wieder aufgepäppelt wird. Schließlich: die Schuldfrage. Sie stellt sich im Gericht oder zwischen Versicherungen, in den Köpfen der Beteiligten und den ratlosen Zuschauern und Zeitungslesern. Sie stellt sich den Menschen, weil wir gewillt sind, aus unseren Fehlern zu lernen und weil wir an etwas glauben, was wir "Gerechtigkeit" nennen. Blicken wir auf den Unfall, der sich in den Bankbilanzen der Welt in den letzten Monaten ereignet hat, so sehen wir einen schweren Schaden, der gerade von den Regierungen der Welt mit Notoperationen in Form von schweren Nähten im Eigenkapital der Banken wieder geflickt werden soll. Im Rausch des Augenblicks werden Gesetze erlassen, (Kapital-)Spritzen gegeben und ganz nebenbei schon Mal etwas für das Gerechtigkeitsgefühl getan, wenn Managergehälter zusammengestrichten werden. Auch wenn die Medizin nur zum freiwilligen Einnehmen entwickelt wurde, hoffen wir dennoch, dass der Patient schnell wieder auf die Beine kommt. Doch: Wird er auch wieder gesund? Diese Frage erweitert die Dimension der Schuldfrage ganz erheblich, ist ihre Beantwortung doch der Grundstein dafür, dass wir nicht nur aus unseren Fehlern lernen können, sondern dass wir die richtigen Impfstoffe entwicklen und unser eigenes Verhalten ändern, damit dem Patient Kapitalismus das gleiche nicht wieder geschieht. Entsprechend wild rufen Zeitungen, Laien und Experten nun um sich mit vermeintlichen Diagnosen, in dem sie ihre eigene Beteiligung abstreiten und mit dem Fingerzeig auf ihre beiden liebsten Feinde zeigen: Den Kapitalismus und die Banker - so auch in meinem Wohnzimmer, um vier Uhr Nachts, mitten auf einer Party. Vor allem der arme Kapitalismus kommt da nicht gut weg, der Kapitalismus, der die Chilenen seit gut 15 Jahren als aufsteigende Volkswirtschaft Lateinamerikas ganz nach vorne katapultiert hat - und den sie doch so sehr hassen, weil er ihnen das Gefühl gibt, weniger lateinamerikanisch zu sein als alle anderen Länder dieses Kontinentes und weil er sie behaupten lässt, dass ihr eigene Linke die Rechte politische Klasse Europas wäre. Und so schimpft man auf das System, die Gringos und den starken Dollar, während man am nächsten Tag mit der Kreditkarte in einer der großen Shopping-Malls von Santiago einkaufen geht und dabei selbstverständlich in Raten zahlt oder den Kauf der nächsten Wohnung in einem der neuen tollen Hochhäuser Santiagos kauft. Ihr ahnt es schon - hier fängt der Schlamassel der Schulfrage an. Als Schuldige stehen vier Personen zur Auswahl, deren Verstrickung in den Bilanzufall der Banken im Folgenden dargestellt wir
Vier Verdächtige - alle schuldig. Alle schuldig, weil sie dem Spiel so lange zu gesehen haben und sich selbst nicht ändern wollten. Genau das ist das Problem. Wenn alle schuldig sind, wird es am Ende keine Verurteilung geben. Vielleicht ein paar Makulaturen, damit keiner mit ganz krummer Nase dastehen muss und das Gerechtigkeitsgefühl ein bisschen wieder gerade gerückt wurde. Dann machen wir weiter, sind weiter sauer auf den Kapitalismus und hoffen, dass er irgendwann untergeht - in der Hoffnung, dass seine Vorteile bleiben... Was aber müsste man tun? Jeder der vier müsste sich verändern: der Staat müsste neue Regeln setzen, damit das System wieder funktioniert, die Bänker müssten zu normalen Gliedern des Systems werden, die Intermediäre sind zwischen Investoren realer Produkte und Sparern, die Bürger müssten aufhören, auf Pump zu konsumieren und über ihre Stränge zu leben und der Kapitalismus müsste lernen - und Achtung, jetzt kommt ein Wort ohne genaue Definition - "sozial" zu werden: Mit einem Sinn für Vernunft, Wohlergehen der Anderen und Selbstkritik. Ist das nicht eine Herausforderung? Zu groß, um Nachts bei Piscola und Rock zu beginnen... | ||||
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