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Jugend und Rudern im Verein - was bedeutet das?

Sonntag 13. Januar 2008 19:18 Alter: 4 yrs
Rubrik: Engagement

Von: Philipp

Diesen Text habe ich vor kurzem für das Vereinsheft meines alten Vereins RV Kurhessen-Cassel geschrieben. Er enthält viel von dem, was ich heute rückblickend von meiner Ruder-Zeite denke. Auslöser war eine Gegenüberstellung auf der Vereinsweihnachtsfeier, in der die Sichtweisen auf den Verein von einem älteren und einem jüngeren Mitglied vorgestellt wurden - mir fehlte da einiges aus der Sicht der jüngeren, das ich einfach hinzufügen wollte. 

 

Liebe Ruderkameradinnen und Ruderkameraden, 

Angeregt von den Reflexionen und Kontrastierungen auf dem Stiftungsfest des letzten Jahres, möchte ich euch gerne in einigen Zeilen Gedanken mitteilen, die mich schon seit längerem, genauer gesagt seit meinem Wegzug aus Kassel, beschäftigen. Ich möchte gerne das aufgreifen, was auf dem Stiftungsfest unter den Titel „Sichtweisen auf den Ruderverein aus den Blickwinkel verschiedener Generationen“ schon angeklungen ist: Wie wirkt und was bedeutet der Ruderverein Kurhessen-Cassel für seine Mitglieder?

Auch wenn ich mich gerne noch zu den Jugendlichen Mitgliedern zähle, gehöre ich inzwischen zumindest zu den etwas stilleren, da ich seit zweieinhalb Jahren bereits Auswärtiges Mitglied bin. Zunächst Auslandsjahr, dann Studium haben mich von Kassel weg getrieben und lassen mich inzwischen auch durch meine Mitgliedschaft im Tübinger Ruderverein durch eine etwas andere Brille auf das schauen, was im Ruderverein meiner Jugend so passiert und geschehen ist.

Der Ruderverein. Genau diesen Punkt möchte ich hier zum Thema machen: der Ruderverein meiner Jugend. Es mag sein, dass für viele junge Menschen der Ruderverein nur eine Station von vielen in ihrer Freizeit-Karriere darstellt, in der sie von Aktivität zu Aktivität hechten. Für viele andere, und ich glaube sowohl für mich, wie auch für den Großteil der jugendlichen Mitglieder unseres Vereins ist das anders: Sie haben sicherlich noch andere Aktivitäten, vielleicht auch eine andere Sportart – aber der Ruderverein steht im Mittelpunkt ihrer Freizeit, im Mittelpunkt ihres Lebens. Sie verbringen Stunden über Stunden mit dem Training am Bootshaus, mit gemeinsamen Feiern, Regatten, Trainingslagern oder Wanderfahrten. Sie kennen den Weg zum Bootshaus mit dem Fahrrad blind und auswendig, kennen jeden Handgriff an ihren Booten, kennen ihre Teamkollegen und die vielen anderen Vereinsmitglieder, egal ob jung oder alt.

Das Rudern. Der Rudersport ist – und da erzähle ich euch sicherlich nichts Neues – eine besondere Sportart. Er erfordert nicht nur ein Höchstmaß des gesamten Körpers, ein besonderes Zusammenleben, wenn man „in einem Boot sitzt“, sondern auch viel Geduld und Ausdauer bis zum Ausüben einer gut gebildeten Technik. Gerade diese Eigenschaften erfordern ein besonderes Maß der individuellen Ausbildung, der Ausbildung der jungen Ruderinnen und Ruderer – unabhängig vom persönlichen Ziel, vom Leistungs- oder Breitensport. Von den Eigenschaften, die es brauchte, ein Ruderer zu werden, zehre ich noch heute. Egal ob Ausdauer, Zusammenleben (neudeutsch Teamfähigkeit), Geduld und Liebe zum Detail, Verantwortung für Bootskameraden – das ist es, was unser Ruderverein heute den jungen Menschen zu bieten hat – und was meine Jugend entscheidend geprägt hat.

Die Persönlichkeit. Ich möchte aber noch weitergehen. Ich möchte mich nicht nur mit einer im Ruderverein besonders gelungenen Ausbildung begnügen, sondern auch in die Köpfe der Ruderinnen und Ruderer reinschauen, die sich – für kürzere oder längere Zeit – in unserem Verein aufgehalten haben. In diesen Köpfen passiert etwas. Sie lernen, wie andere Menschen sich außerhalb der Schule für etwas begeistern. Sie lernen, wie das Boot von allen abhängig ist. Sie lernen auch Verantwortung für Material und die eigene Grundlage des Sporttreibens. Sie lernen, und sie verändern sich – und werden die Dinge, die sie hier am Ruderverein gefunden haben, nie wieder vergessen. Momente der Spannung, Momente der (Sieges-)Freude, Momente der Enttäuschung, Momente des Stolzes auf sich selbst, auf die nassen Klamotten nach dem Regenguss, auf die Schwielen an den Händen, auf den Rigger-Schlüssel im Rucksack.

Ich habe aber noch etwas anderes gelernt – eine Geschichte vom Engagement. Eine Geschichte, die mir gezeigt hat, mit welcher Begeisterung und persönlichem Einsatz sich Trainer, Bootswarte und viele viele andere für meine Entwicklung und mein Sporttreiben interessieren. Wie sie Stunden am Bootshaus verbringen, nur um mir zu zeigen, wie ich die Blätter ins Wasser zu setzen habe; nur um zu zeigen, wie ich mein gerade gecrashtes Boot wieder heile bekomme. DAS kann ich nicht zurückgeben. Das kann keiner der Jugendlichen zurückgeben. Zwar kann man hoffen, dass man durch Achtung auf Mensch und Material zeigt, dass man dieses Engagement zu schätzen weiß. Aber letztendlich ist es ein Generationenvertrag. Ein Vertrag, der mir in meine gesellschaftliche Entwicklung schreibt, dass ich gelernt habe, dass meine eigene Entwicklung nur durch solche Menschen möglich war. Dass ich gelernt habe, wie der Einsatz für junge Menschen sie prägen kann. Und dass ich weiß, dass ich vielleicht jetzt nichts zurückgeben kann – aber dass ich vielleicht später mal gleiches tun kann.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass genau das die Motivation ist und sein sollte, mit der wir (der Verein) Jugendlichen die Chance geben sollten (und sie davon begeistern sollten), im Ruderverein gebildet und ausgebildet zu werden. Und um wieder auf den Anfang zurück zu kommen: Das ist meine Sicht auf den Ruderverein Kurhessen-Cassel. Eine Sicht, die mich als Mensch geprägt hat, und die davon überzeugt ist, dass es sich lohnt, genau das auch wieder neuen Kindern und Jugendlichen zu bieten, die davon überzeugt ist, dass Vereine und gerade Rudervereine ein Baustein in der (gesellschaftlichen) Bildung sind, für die es sich lohnt, Stunden um Stunden Zeit zu opfern und vielleicht immer wieder das Gefühl zu haben, es sei umsonst gewesen – es habe sich nicht gelohnt. Es kommt etwas zurück. Es tut sich etwas in den Menschen. Es verändert sich etwas mit unserer Zeit. Auch wenn wir es nicht sehen, wenn manche es nicht sehen wollen: Es lohnt sich. Danke. Und: Weiter so.


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