Zurück zur Blog-Startseite!

Mein Beitrag für den Schreibwettbewerb des Youth-Reporters: Nur ein Gefühl

Donnerstag 23. November 2006 06:11 Alter: 5 yrs
Rubrik: Frankreich - EVS

Von: Philipp

Es war nur ein Gefühl: ein Gefühl der Traurigkeit, der Einsamkeit, des Alles-Zurücklassens, des Aufbruchs. Es war ein Gefühl, das mich an schon so oft gefühlte und gelebte Situationen erinnerte, aber das doch wieder zurückschlug, als es kam, weil es einzigartig war und ist und bleiben wird. Woran es mich erinnert? An jeden Abschied meines Lebens, aber vielleicht doch ganz besonders an jenen Einen vor einem Jahr, der noch so kurz zurück liegt und so heftig war und länger anhielt als je zuvor.

Es war nur ein Moment: Der letzte Blick zurück, das letzte Mal verabschiedet, das letzte Mal gelächelt, geweint, geflüstert und versprochen, sich wieder zu sehen. „Je ferme la porte – ich mache die Tür zu“ stand in meiner Abschiedsmail, die ich fast zu Tränen gerührt am Abend meiner Abfahrt schickte, um meine Gefühle zu verbergen, mich hinter Parolen und Versprechen zu verstecken, um ja nicht die bittersüße Realität zu nah an mich heran zu lassen. Vielleicht die letzte Hoffnung, doch noch etwas zu ändern, anstatt zu akzeptieren, was seit einem Jahr geschrieben stand?

Es war nur eine Zeit, die alles besagte. 11 Monate. Am Ende waren es ein klein wenig mehr, 11 Monate und 8 Tage. Nützt es da, zu sagen, ich hätte es vorher gewusst? Zu sagen, es war vorhersehbar, es war gewollt? Gewollt, ja, aber ein Projekt lässt sich eben nicht nur in Zahlen und Absichten ausdrücken. Das, was ich da gerade erlebt habe und hinter dem ich die Türe zu mache, war mehr als ein Projekt – es war mehr als Zahlen, als ein Finanzierungsbeschluss, als eine Genehmigung. Es war Leben – Lebenszeit.

Es hatte einen Ort: einen Ort, um aus der Gefangenheit, aus der Befangenheit zu entfliehen, zu stürmen, zu brechen. Im Zug? Vergraben hinter Gepäck und Lunchpaket, verstöpselt hinter Musik und fremden gesichtslosen Mitfahrern gehen die Tränen über die Wangen, wenn gerade ein Lied erklingt, das mich über die ganzen Monate hinweg begleitet hat. Ein Gedanke zurück, ein Seufzer und die Ergebenheit vor der unbändigen Kraft des Zuges, der kontinuierlichen Fortbewegung, der Unumkehrbarkeit. Ein Ort, der sich wegbewegt, weg vom Ort meiner Erinnerungen, meiner Glücks- und meiner Unglücksmomente.

Es war nur ein Gedanke. Der Gedanke vom Glück, das man erst versteht, wenn man es verloren hat. Vielleicht nicht verloren, aber wenn es doch nicht mehr greifbar ist. Wenn man beginnt zu begreifen, dass es vorerst nicht mehr reproduzierbar ist, dass es einem Kontext entspringt, dessen Bedingungen so hart erarbeitet werden mussten: Dessen Glücksmomente manchmal so selten und manchmal so intensiv waren, dass sich die fremden Welt irgendwie und irgendwann in das eigene Zuhause verwandelten. In diesem Gedanken beginnt man, die Glücksmomente zu verwahren und wie ein hohes Gut in sich aufzunehmen und gegen das Vergessen zu schützen.

Ist das Idealisierung? Ist es Verklärung der Wirklichkeit, wenn man sich am Ende einer schönen, aber auch schwierigen Zeit entschließt, die schönen Momente zu speichern? Mag sein. Aber in jedem Fall ist es der Beginn eines Prozesses, der es erlaubt, alle diese Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten – aus der Perspektive der Vergangenheit, denn jetzt ist es vergangen, vorbei gegangen. Vielleicht habe ich dort erst angefangen, mich selbst zu verstehen und zu begreifen, was mich in diesem Jahr angetrieben hat, was mich gefangen genommen und verändert hat. Dieser Moment im Zug, in dem die Tür zugeht und die Personen, die mir so wichtig geworden waren, auf dem Bahnsteig zurückbleiben. Es ist dieses Gefühl, mich selbst wieder zu haben, in all das zurück zu kehren, das ich hinter mir gelassen habe. Und vielleicht auch zu vergessen, zu verdrängen und nach vorne zu schauen.

Ist das Realisierung? Bedeutet das, dass meine Werte und meine Träume jetzt zurückbleiben? Muss ich damit akzeptieren, dass die mir so wichtigen Dinge hier bleiben und in meiner neuen, alten Umgebung keinen Platz mehr haben? Wie kann ich mich bewahren, der ich hier, in meiner neuen Heimat, geworden bin? Wie kann ich mich schützen vor dem, was dort auf mich zukommt, was mich überrollt? Sind Teile meiner Persönlichkeit an den Ort gebunden, an dem sie entstanden oder sich entwickelt haben? Bin ich hier ein anderer als dort, wo ich war oder wo ich hingehe? Bestimmt ist das der Moment des Entschlusses, mich selbst zu erretten vor dem, was kommt, was mich verändert.

Ist das Angst? Das sind zu viele Fragen, die mich überkommen, die mich im Zug überrollen, gemischt mit Erinnerungen und mit Erwartungen. Vielleicht mischt sich da ein bisschen Angst hinzu, Angst zu verlieren, wieder kämpfen zu müssen, wieder Neues zu entdecken und Neues zu erleben. Das ist keine Angst, das ist Hoffnung. Es hat etwas von Platz schaffen, von Aufräumen, um neu einzurichten. Es wird bewertet, was an Erinnerungen und Gefühlen wert ist, konserviert zu werden und was ich lieber ändern möchte. Es bietet sich an, zu erfahren, was aus mir geworden ist. Es bietet sich an, die ersten guten Vorsätze zu fassen und die ersten Pläne zu schmieden. Es wird renoviert, es wird weg geschmissen. Aber es wird auch aufbewahrt, gebunkert, unters Bett gekehrt. Manches wird verrückt, manches ist zu schwer, um bewegt zu werden. Vielleicht eine neue Farbe, die den Aufbruch symbolisiert?

Es war mehr als nur ein Gefühl. Es war mein Leben. Und jetzt?
Der Zug kommt an. Jetzt kommt mein Leben, Teil III.


<< Zurück zum Blog

Impressum | pstiel.de