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Momente im Leben, in denen man nachdenken muss...

Dienstag 04. November 2008 15:35 Alter: 4 yrs
Rubrik: Semester Santiago

 

In riesen Schritten nähern sich meine Tage in Santiago de Chile dem Ende zu - und ich bemerke mit Scham, dass schon lange Zeit vergangen ist, dass ich euch an ihnen habe teilhaben lassen. Letzt Woche noch musste ich erstaunt feststellen, dass schon "letzter Schultag" ist und ich von meinen Freunden, Lehrern und gewohnten Tagesabläufen Abschied nehmen musste. Jetzt ist schon wieder eine Woche rum, die restlichen Tage hier lassen sich an einer Hand abzählen und ich überlege, wie ich all meine Eindrücke der vergangenen Woche in Worte fassen kann.

Ich habe natürlich zuallererst mal wieder auf die Macht der Bilder zurückgegriffen, um noch in letzter Sekunde einen bildlichen Eindruck meiner Uni, der Stadt Santiago (mit Besuch im chilenischen Zentrum der Macht "La Moneda") und einiger Erlebnisse zu überbringen (Die Bilder findet ihr in der Galerie). Dazwischen liegen Ausflüge, Konzerte, Parties, Eindrücke, Begegnungen, aber auch schwierige Momente, komplizierte, enttäuschende. Ich möchte nicht alle in einen Blogeintrag packen und am Schnürchen erzählen, erfordert doch jeder Moment, jeder Eindruck seine eigenen Worte, seine eigene Atmosphäre, seine eigene Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit. Ein Wort, ein Gefühl und eine Pflicht, die uns manchmal zwischen den Zeilen verschwindet, wenn sich die Ereignisse des Lebens aneinander reihen, kaum Platz dazwischen lassen, um zur Ruhe zu kommen und uns Gedanken zu machen über das, was uns antreibt und was wir antreiben. Ich hatte gestern Abend, auf meiner ersten und wohl auch letzten richtigen Party in Eigenregie eine solche Diskussion, die dazu anregt, über Dinge nachzudenken, über die wir sonst hinwegschauen: über uns selbst.

Meistens sind es die selben Fragen, die auf uns Austauschstudenten prallen, wie zum Beispiel "Magst du Santiago?" Wie soll ich denn so eine Frage beantworten?? Mit welchen Generalisationen; welche Momente soll ich übergehen, welche Gefühle unterdrücken, um meine komplexe Antwort auf diese einfache Frage noch verständlich zu gestalten? (Meistens ist sie so oder so schon ziemlich lang ;-) Jedes Mal aber zwingt mich doch diese Frage, konkret zu werden - und das ist es, was ich so an ihr schätze: Dass sie mich zwingt, meine Gedanken zu ordnen, meine Eindrücke abzuwägen, um dann schließlich sagen zu können "Me encanta Santiago"... und doch im Hinterkopf all die Einschränkungen zu behalten, die ich diesem Satz eigentlich beifügen möchte: Sicherheit, Smog, Armut, Kontraste... und schließlich all die Dinge, die Santiago einfach unvergleichbar machen, und die sich mit der Frage mischen, ob mir die Stadt gefällt - steckt da nicht auch dahinter, ob mir das gefällt, was ich hier lebe? 

Genauso die Frage, ob ich Chilenen kennen gelernt habe. Ja klar, antworte ich da schnell, im Kopf die Gesichter aufreihend, die mir in den letzten vier Monaten begegnet sind. Die meisten von denen Mitglieder der "Comisión de Acogida", ein paar über verrückte Umstände und Begegnungen, meinen Mitbewohner und seine Freunde. In meinen Kursen sitzen schließlich vor allem Ausländer - entweder Austauschstudis oder Master-Studenden aus dem Lateinamerikanischen Ausland. Und so rumort es in meinem Hinterkopf, der mir sagt: Naja, eher dürftig, deine Integration - aber was kann man denn schon nach vier Monaten erwarten? Welche Ansprüche setzen wir an uns selbst, für echte Brücken hat die Menschheit immer besonders lange gebraucht.

"Como te gusta Chile?" wäre eine weitere dieser Kategorie-Fragen, die in meinem Kopf eine bunte Bildermischung aus Landschaft, Musik, Konservativismus, abgedrehten Jugendlichen, Teletón, Obst, Fernreisebussen und Hochhäusern erzeugt. Ich sage dann vorsichtshalber "Me gusta muchíssimo." - aber ob das der Wahrheit entspricht, das konnte ich mir selbst in meinem Hinterkopf noch nicht beantworten. Wer stellt mir die Fragen, mit denen ich wirklich herausfinden könnte, ob mir Chile gefällt? Aufmerksamkeit... eine Tugend. 

Es ist aber auch nicht einfach, eine Antwort auf diese Frage zu finden, das Definitionsproblem liegt vor allem an Chile selbst - ein Land, das nicht so einfach auf einen Nenner zu bringen ist. Die unglaubliche Mischung von altem und neuem, die Geschwindigkeit, mit der die Chilenen versuchen, sich neu zu erfinden (poncear...) und gleichzeitig so konservativ bleiben, dass die meisten Besucher nicht der Meinung sind, sie seien in Lateinamerika. Wo ist die typische Musik, die tanzenden Menschen in den Straßen, das Chaos der Micros oder Camiones, wo sind die starken Präsidenten und Populisten? Die Chilenen verstecken sich hinter den Anden und beobachten ihre Nachbarn mit Aufmerksamkeit, Abneigung (Bolivien, Peru), Schadenfreue (Argentinien) und Neid (fast alle anderen), während sie jeden Tag hoffen, dass der Kupferpreis nicht zu sehr in den Keller stürtzt und man mit Free-Trade-Politik noch die ein oder andere Effizienzsteigerung aus der Wirtschaft herausholen kann.

Fazit dieser Gedankengymnastik? Ich mag Chile. Oder besser formuliert: Ich mag mein Leben hier. Ein Stück meiner Aufmerksamkeit verbleibt wohl an diesem Ort...


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