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Offen für die WeltFreitag 05. September 2008 04:48 Alter: 4 yrs
Rubrik: Semester Santiago
Heute Abend, als ich nach der Uni aus der Metrostation ausstieg, wurde ich mal wieder überrascht: Überrascht von der Welt, von den Dingen, vom Unbekannten - aber der Reihe nach. Nachdem ich jetzt sechs Wochen hier in Santiago bin, ist in den letzten Tagen Routine eingekehrt. Ich erkenne meine Metrostationen, weiß, wann ich morgens aufstehen muss und wo ich mein Obst und Gemüse kaufe. Ich weiß, was zu tun ist, wenn ich zum Arzt muss oder Geld brauche, wenn ich Postkarten schreibe oder ins Kino gehe - kurz: der Alltag ist eingekehrt. Das hat etwas für sich, fühlt man sich doch irgendwie angehmer, sicherer, weniger unbekannt und fremd. Wenn ich durch die Straßen Santiagos gehe und schon weiß, wo ich ungefähr das Geschäft finde, ich das ich gehen will, oder wenn ich überlege, wo man Abends hingehen könnte - auf Dauer ist es nicht angenehm, im Unbekannten zu leben. Und doch: Ich bin nicht in Deutschland, und vor allem: das Leben geht nicht wie üblich. Und so überrascht es mich in diesen Wochen immer wieder auf's Neue, bringt Dinge, die ich nicht erwarte, überrascht, enttäuscht, verärgert oder provoziert einen die Treppen vor Freude hinunterunterspringenden Tübinger Austauschstudenten. Was ist passiert? Es sind vor allem die kleinen Dinge, die halt nicht so sind, wie sie zu sein pflegen: Mein Lieblingsbeispiel sind sämtliche Süßwaren, die die wunderbar duftenden Bäckereien hier zu verkaufen haben. An die Torten habe ich mich bisher noch gar nicht herangetraut, obwohl sie hier offiziell "Kuchen" genannt werden, da die meisten ein Sahne-Farbgemisch darstellen, das aussieht, als hätte man Spuren von Beton reingemischt. Außerdem habe ich noch nie jemanden ein Stück Kuchen kaufen sehen - wenn, dann nimmt man die ganze Torte, und das ist mir dann doch zu riskant. Was mich viel mehr verblüfft, ist die Kunst, eigentlich lecker aussehende Sachen wie Marmorplätzen, Kokosmakronen, Schokobrownies oder Muffins auf überraschende Weise anders schmecken zu lassen: gestern schmeckten die einen Plätzchen nach Fanta, die anderen nach Erdnussaroma, obwohl eine Walnuss oben drauf war. Daher habe ich mich inzwischen auf leckere Empanadas con Queso oder Pino konzentriert, da weiß ich, was ich bekomme - mit dem hiesigen Süßigkeitengeschmack stimme ich einfach nicht überein. Stichwort Geschmack: Die Chilenen nehmen es mit der Geschmacksrichtung immer sehr ernst, indem sie auf ihre Produkte den entsprechenden Geschmack drauf schreiben, z.B. Jogurth "Sabor Pina" (=Ananasgeschmack). Das heißt dann nicht, dass man Ananas-Jogurth bekommt, sondern genau das, was auch drauf steht. Jogurth mit Geschmack einer Ananas - das ist auch schon alles. Besonders aber fasziniert mich das Jogurth mit "Sabor natural" - keine Ahnung, wie die das schaffen, den natürlichen Geschmack künstlich herzustellen, aber es schmeckt einfach nicht. Ich finde, Essen und Getränken jeglicher Art sind immer eine tolle Gelegenheit, sich überraschen zu lassen - weshalb ich keine Gelegenheit auslasse, an der Ecke etwas unbekanntes zu kaufen. Viel schöner aber noch sind die Momente der ungeplanten Überraschung - wie zum Beispiel heute Abend, als ich nach einem langen Lerntag aus der Metrostation ausstieg und die Stadtverwaltung meines Bezirks die Openairbühne vor meiner Haustür bespielte - mit 5 Sängern, die sich seltsamerweise "VierViertel" nannten und einem Orchester, die zusammen eine Musikmischung aus Comedian Harmonists und Volksliedern produzierten. Kurz entschlossen setzte ich mich auf die aufgestellten Tribünen und lauschte mit 1000 Gleichgesinnten der Musik. Dabei vielen mir die Texte auf, die sich mit "Chile, para Chile, con Chile..." zusammenfassen lassen. Ich konnte inzwischen herausfinden, dass es sich um eine Gedenkfeier zu Ehren der Soldaten im Krieg in Nordchile/Bolivien/Peru (Salpeterkrieg 1883) handelte. Dementsprechend rückte dann zum Ende des Konzertes eine ganze Batallion ein (keine Ahnung, wie viel das ist, aber es kam mir so vor), alle mit schönen Uniformen, komischen eckigen Rucksäcken und Wimplen auf dem Kopf und spielten vom Publikum gefeiert ihre Marschmusik. Eine halbe Stunde später war das Spektakel vorbei, die Musik klang in meinen Ohren und der Wind der inzwischen kalten Winternacht pfiff wieder um meine Ohren - und der Alltag kehrte wieder ein: Ich ging nach Hause und liege jetzt im Bett und schreibe in meinen Blog... bis zum nächsten Alltag. Ein Alltag voll unalltäglicher Überraschungen, oder um es mit den wahren Worten Wilhelm Buschs zu sagen: "Stets findet Überraschung statt, wo man's nicht erwartet hat." | ||||
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