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Studenten auf den Barrikaden: Warum die Hörsaalbesetzer unsere Anerkennung verdient haben.

Montag 15. März 2010 00:54 Alter: 2 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft

Von: Philipp Stiel

Welcher Bildungsstreik-Typ bist du?

  • Typ 1: Du hast schon dein Bett in den Hörsaal gestellt und wirst auch über Weihnachten dort übernachten.
  • Typ 2: Vielleicht nicht unbedingt übernachten, aber du setzt dich gerne jeden Abend in einen großen Hörsaal, diskutierst über Forderungen und winkst mit den Händen zur Zustimmung oder Ablehnung.
  • Typ 3: Du machst dir ein Bild von allem, hättest aber lieber gerne softe Forderungen und weniger Streik in der Bildung.
  • Typ 4: Du bist schon genervt, wenn du dir die Plakate auf dem Weg zum Hörsaal anschauen musst und nicht auf deinem Stammplatz in HS 21 sitzen darfst.

Und, findest du dich wieder? Bist du der Meinung, du hast dir dein Bild schon gemacht? Dann bist du nicht alleine – denn viele haben sich ein Bild gemacht von den Hörsaalbesetzungen im letzten Semester – und viele haben sich entschieden, genervt zu sein, sich teilnahmslos zu verhalten oder sich hinter vorgehaltener Hand über den breit gefächerten Forderungskatalog lustig zu machen. Besonders unter den WiWi-Studenten war angesichts der häufigen Hörsaalverlegungen die Ablehnung groß. Zu Unrecht.

Zu Unrecht, denn der Bildungsstreik hat bereits viel bewegt: Alle großen Fernsehkanäle und Zeitungen berichten über die Proteste, Politiker müssen Stellung nehmen – genauso wie auch das Tübinger Rektorat auf die Forderungen reagiert, an vielen Abenden sich dem Gespräch mit den Studierenden im Hörsaal stellt und handelt: Die Prorektorin empfiehlt, 90% der Anwesenheitspflichten abzuschaffen, der Senat beschließt die Einführung einer Zivilklausel, das Wissenschaftsministerium beruft einen Bologna-Reparatur-Kongress ein, die Uni entwickelt ein Konzept für einen 4-jährigen Bachelor mit Mobilitätsfenstern und sogar die Bundesrektorenkonferenz regt sich wieder.

Zu Unrecht, denn auch für uns WiWis ist nicht alles in Butter: Natürlich sehen viele WiWis die Blognareform positiv, schließlich wurde bei uns die Prüfungsordnung weitestgehend sauber umgestellt, Auslandssemester sind so beliebt wie an keiner anderen Fakultät, die Anrechnung klappt vergleichweise gut und es gibt nahezu keine Anwesenheitspflichten in unseren Kursen. Außerdem wächst unsere Professorenschaft, während die Studierendenzahlen (gewollt) kontinuierlich sinken. Schließlich eignen sich aber auch gerade die WiWi-Studiengänge besonders gut für die neue Struktur, während ein Bachelor woanders weder anerkannt wird noch berufsqualifizierend ist.

Doch auch an unserer Fakultät geht eine inkonsistente Landeshochschulpolitik nicht vorüber:

  • Durch die übereilt eingeführte Ausnahmeregelung bei Studiengebühren verfügt unsere Fakultät im nächsten Jahr nur noch über die Hälfte an Studiengebühren im Vergleich zu 2006 – bei gleichzeitig gekürzten Landeszuweisungen, die es vor den Studiengebühren noch gab (zum Beispiel für Tutorien, Auswahlprogramme und Möbelbeschaffung).
  • Auch wir merken, dass Baumaßnahmen kaum noch durchgeführt werden können, weil die Gesamtuniversität einen Sanierungsrückstau von über 400 Mio. Euro vor sich herschiebt.
  • Auch unsere Studiengebühren finanzieren (zwangsweise) Heizkosten, weil das Land den Zuschuss zu Betriebskosten weiterhin auf der Basis von 2004 berechnet.
  • Auch bei uns bleiben freiwerdende Professuren ein halbes Jahr unbesetzt, weil die Universität ein strukturelles Defizit in Höhe von 4 Mio. Euro jährlich vor sich herschiebt, das finanziert wird, indem jede freiwerdende Stelle für ein halbes Jahr nicht besetzt wird.
  • Und auch wir würden davon profitieren, wenn die Studierendenvertretung sich selbst eine Verfassung geben könnte (wie in 14 von 16 Bundesländern in Deutschland) und so unabhängig vom Rektor über ihre Finanzen und Beschlüsse entscheiden könnte.
  • Auch wir werden es spüren, wenn ab 2012 die doppelten Abiturjahrgänge die Mensa sprengen und den studentischen Wohnungsmarkt lahmlegen; der Wohnungsmangel in diesem Jahr war dagegen nur ein Vorgeschmack – genauso wie sie die Hörsäale füllen werden, wie man es am Brechtbau bereits in diesem Jahr schon gemerkt hat.
  • Und auch für unsere Studierende wird der Masterzugang Stück für Stück schwieriger, je mehr Bachelorstudenten auf den Markt drängen.

Wenn also auch nicht alle formulierten Streik-Forderungen der Meinung der Mehrheit entsprechen und einige davon über das eigentliche Thema der Hochschulpolitik hinausgehen – Handlungsbedarf gibt es allemal. Und genau hier hat der Streik-Herbst durch seine ungeahnte Dynamik den Weg für Veränderungen vorbereitet und zum ersten Mal seit vielen Jahren eines gebracht: öffentliche Aufmerksamkeit für die strukturellen Probleme der Hochschulen und die Konsequenzen einer schlecht und zu schnell umgesetzten Reform. Die Anzahl der Artikel und Reportagen, die vielen kompromissbereiten Rektoren und Kultusminister, die Runden Tische, die bereits umgesetzten Forderungen und ein größeres studentisches Mitspracherecht sprechen eine Sprache: Man muss den Bildungsstreik nicht unbedingt unterstützen, geschweige denn alle seine Forderungen. Aber eine differenzierte Auseinandersetzung hat er verdient – und gewiss auch Anerkennung für das Erreichte, das am Ende allen Studierenden zu Gute kommt.


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