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Wie die Finanzkrise in meinem Wohnzimmer ankam: Eine Lehrstunde in Trade und Globalisierung

Mittwoch 22. Oktober 2008 03:34 Alter: 4 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft, Semester Santiago

Von: Philipp

Seit einigen Tagen komme ich fast jeden Tag dazu, über die Finanzkrise zu sprechen. Vielleicht weil ich Volkswirtschaft studiere? Bestimmt. Aber vielleicht noch viel mehr, weil ich mit einem Chilenen zusammen wohne, der inzwischen 32 Jahre als ist und in einem Laden arbeitet, in dem er HiFi-Geräte verkauft. Inzwischen muss ich ihn fast jeden Abend beruhigen - und langsam gehen mir die Mittel aus. Alles Hysterie? Dachte ich am Anfang auch, inzwischen möchte ich aber lieber die Chilenische Zentralbank anrufen, um zu fragen, ob sie nicht ein paar Chilenische Pesos aufkaufen könnten. Doch der Reihe nach.

Das Grundprinzip: Wir tauschen unsere Güter, die zwischen Ländern gehandelt werden, nicht in realen Einheiten aus (z.B. in Broten), sondern in Währungen. Da es noch keine Weltwährungsunion gibt, muss man dabei die Währungen tauschen. Dies geschieht aber nicht immer nach dem selben Wechselkursverhältnis, sofern die jeweiligen Wirtschaften keinen flexiblen, sondern einen fixen Wechselkurs gewählt haben. Der Wechselkurs verändert sich je nach dem, wie viel der jeweiligen Währung auf aggregiertem Niveau (d.h., wenn man alle kleinen Nachfragen aufaddiert) nachgefragt wird. Brauchen die Menschen viel Doller, steigt der "Preis" für Dollar, d.h. man muss mehr von der eigenen Währung auf den Tisch legen, um einen Dollar zu bekommen.

Bei einem fixen Wechselkurs (z.B. zwischen China und USA) versucht eine der beiden Notenbanken, den Wechselkurs stabil zu halten (hier die Chinesische), in dem sie entweder Dollar verkauft oder kauft. Im Fall der Chinesen häuft die chinesische Zentralbank Doller an, um den Dollar künstlich hoch zu halten und den Renminbi niedrig. Damit können bekommen zwar die Chinesen wenig Dollar für ihren Renminbi, aber die chinesischen Produkte sind schön billig in den USA, was einer Exportnation wie China extrem zu Gute kommt. Entsprechend fordern die USA, dass China seinen Wechselkurs anhebt, damit die amerikanischen Staatsbürger nicht mehr soviel chinesische Produkte kaufen. Bei einem flexiblen Wechselkurs gibt es diese Möglichkeit nicht, da die Zentralbank nicht in den Wechselkurs eingreifen kann. Man hofft, dass sich der Wechselkurs in einem Niveau einpendelt, dass dem realen Wechselkurs entspricht (englisch: Terms of Trade). Diese reale Kaufkraft einer Währung hängt eher davon ab, wie hoch die Löhne sind, oder wie gut die Qualität eines Produktes ist (klar, dass ein Regisseur in Bollywood mit seinem Film keinen Film eines Hollywood-Regisseurs kaufen kann, obwohl beide genauso lange gebraucht haben, um ihn herzustellen). Leider unterliegt der flexible Wechselkurs aber auch anderen Schwankungen...

Und damit sind wir zurück in meinem Wohnzimmer und dem Laden meines Mitbewohners, da Chile sich entschieden hat, einen flexiblen Wechselkurs zu halten (was nach allgemeinen Einschätzungen Vorteile hat, da es die Anfälligkeit für große Krisen (z.B. in Argentinien 2002) deutlich verringert - aber das führt jetzt zu weit). Mit diesem flexiblen Wechselkurs kommt die Finanzkrise jetzt im Laden meines Mitbewohners an, da er im Prinzip nur importierte hochpreisige Geräte kauft. Da der Dollarkurs für Chilenen seit einigen Wochen um dutzende Prozent gestiegen ist, haben sich diese Produkte rasant verteuert - die Verkäufe sind diesen Monat auf ein Fünftel geschrumpft, was in einem Ein-Mann-Laden zu erheblichen Auswirkungen führen kann. Auf Deutsch gesagt: mein Mitbewohner hat Angst davor, im nächsten Monat ohne Job dazustehen.

Am Anfang dachte ich ja zunächst, es handele sich nur um die übliche, den Chilenen am Herzen liegende allgemeine Wirtschaftsangst, die nach Jahrzehnten Inflation und Krisen immer noch nicht aus den Köpfen gewichen ist. Nun wissen wir ja aus Modellem wie dem Rational-Expectation-Model, dass solche Ängste auch reale Auswirkungen haben können - aber dazu bräuchte es doch etwas mehr Zeit? Nun ja, egal ob real oder irreal, die Verkäufe brechen ein, mein Mitbewohner ist ratlos und stellt mir heute die Frage: Wie lange dauert die Krise noch? 

Ich, klug wie ich bin als Bachelor im 5. Fachsemester, rede von der tollen Krisenbekämpfung in Deutschland und der Welt und davon, dass sich die Finanzwelt bald wieder erholt hat. Dann plötzlich kommt die Frage: Warum steigt eigentlich der Dollar, wenn es den Amerikanern so schlecht geht? (PS: hier würde mein Crecimiento-Prof sagen: "Somos todos Americanos. Los gringos no son proriedadores de la marca" ;-) Die Antwort gibt ein Blick auf die Situation der Amerikanischen Bankenwelt, den Ölpreis und den Aufbau der chilenischen Exporte:

  1. Seitdem die Kreditkrise ausgebrochen ist, holen die Amerikaner ihr Geld zurück. Das bedeutet, stärkere Nachfrage nach Dollar, der Dollarpreis steigt.
  2. Der Dollar steigt mit dem Ölpreis - da die meisten Rohstoffe in Dollar gehandelt werden, steigt die Dollarnachfrage mit dem Ölpreis, was ja schon seit Monaten passiert, trotz der aktuellen Trendumkehr.
  3. Hierbei müssen wir noch den Kupferpreis berücksichtigen, da Kupfer das wichtigste Exportgut Chiles ist (danach kommen Lachs und Wein). Der ist nämlich nicht so schön gestiegen, (da Rohstoffnachfrage im Allgemeinen eher unelastisch ist, für die Experten unter euch). Damit können die Chilenen weniger Dollar einnehmen, als sie fürs Öl ausgeben - was den Wechselkurs weiter befeuert.
  4. Schließlich kommt noch die Wirtschaft ins Spiel, die jetzt in den USA plötztlich doch nicht mehr so schlimm aussieht, nachdem in den anderen Ländern der Erde offensichtlich geworden ist, das es da auch nicht rosig aussieht. Damit ziehen Investoren ihre Dollar aus Chile ab (wo alles nach einer Rezession aussieht) und investieren sie in den USA.

Damit ist das Schicksal des Dollars besiegt er steigt, mein Mitbewohner verkauft weniger und alle reden von Abschwung in Chile. Wenn die Krise jetzt noch nicht in meinem Wohnzimmer ist, dann weiß ich auch nicht mehr... können wir nur hoffen, dass die chilenische Export-Maschine wieder anspringt. Ich jedenfalls ziehe mich mal warm an, bevor ich das nächste Mal um vier Uhr nachts den Kapitalismus gegen den Kommunismus verteidigen muss - auf Spanisch.

 

Ach ja, eine Bemerkung, für diejenigen unter euch, die jetzt total verwirrt sind: Auch der Euro fällt zwar im Moment im Vergleich zum Doller (schlecht für alle, die gerade in deln USA sind), aber der Peso fällt noch viel mehr, weshalb der Euro zum Peso immer noch steigt - und uns das Leben hier erleichtert...

Kommentare gerne an mich, oder per Gästebuch!


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