Wie studiert man heute VWL... in Chile?
Mittwoch 10. Dezember 2008 22:38 Alter: 3 yrs
Rubrik: Semester Santiago, Wissen & Gesellschaft
Von: Philipp
Um eine grobe Einordnung des Profils der Fakultät der Pontifica Universidad Católica de Santiago de Chile, einzige Partneruni Tübingens in Chile, einschätzen zu können, ist ein Blick auf die Herkunft der Fakultät und der Professoren sehr hilfreich: Als katholische Privatuni gegründet und seit 120 Jahres als Kaderschmiede Chiles etabliert, spielt die Universität eine höchste Rolle bei der Bildung der zukünftigen Führungsriege des Staates und seiner Unternehmen. Fast 70% der Abiturienten Chiles wollen hier studieren, doch nur die besten werden auch genommen und müssen dann hohe Studiengebühren bezahlen – dementsprechend hoch ist das Niveau der gesamten Uni – und dabei gilt die VWL als eines der schwierigsten Fächer. Die Professoren, die im Economics-Department der WiWi-Fakultät unterrichten, haben fast alle ihren PhD in den Vereinigten Staaten gemacht, vor allem in Chicago, Harvard und am MIT, einzelne aus Berkley und Stanford sind auch zu finden.
Inhalt
Die WiWi-Stundenten haben hier vier Jahre zusammen zu studieren, VWL und BWL gleichwertig – und das auf hohem Niveau. Die „Grundausbildung“ eines BWLers umfasst eigentlich eine kompletten VWL-Bachelor aus Tübingen, der sowohl Veranstaltungen wie Ökonometrie, Trade, Makro II und Mikro II umfasst wie auch die entsprechenden Kurse in BWL, obwohl die nach Aussage meiner Kommilitonen aus Tübingen nicht ganz gleichwertig zu denen in Tübingen sind. Erst im fünften und letzten Jahr beginnt die Spezialisierung, wobei man auch schon im vierten Jahr im Unterricht deutlich zwischen den motivierten und nicht-motivierten unterscheiden kann, wer VWL und wer BWL studiert. Die BWL-Grundkenntnisse eines VWLers sind dementsprechend weitreichend, was hier aber von keinem als Nachteil bezeichnet wird (wobei sie sich auch nichts anderes vorstellen können). Das liegt vielleicht auch daran, dass man hier schon sehr früh (mit 17/18) anfängt, zu studieren und sich in diesem Alter noch sehr wenige für VWL interessieren.
Das VWL-Studium umfasst inhaltlich alle gängigen Theorien und Erklärungsansätze des modernen Economics, tendenziell wiegt, auch durch die Ansichten der Professoren, der Neoklassische Ansatz etwas schwerer. Im 5. Jahr gibt es auch ausgefallene Kurse wie „Wirtschaft und Armut“ oder „Development Economics of Latin America“, ansonsten umfasst das Studium das komplette Standardprogramm.
Mathematik-Gehalt
Dieses Standardprogramm wird auch komplett mathematisch berechnet, in den meisten Fällen war das Mathe-Niveau meiner chilenischen Kommilitonen sehr gut ausgebildet und vor allem jederzeit abrufbereit. Durch die verkürzte Schulzeit muss die Uni viel in Mathematik nachholen, sodass die Studierenden in den ersten Jahren viel Mathe und Statistik haben. Dafür sitzen dann die Mathe-Kenntnisse sehr stabil – die meisten Ausländer (und zum Teil auch die Tübinger) klagen über das Mathematik-Niveau in den Kursen. Insgesamt ist das Studium extrem durchgeplant, sodass die Professoren jederzeit wissen, in welchem Kurs man was gelernt haben müsste – ein bisschen fühlt es sich dann aber auch wie Schule an.
Didaktik
Kleine Klassen, extrem gute Professoren, ein striktes Programm – eine Kurzzusammenfassung des Didaktik-Programms. Leider nutzen die Professoren die kleinen Klassen nicht, sodass am Ende doch Vorlesungen herauskommen, die etwas kürzer als in Deutschland sind, dafür zweimal in der Woche statt finden. Obwohl das Studium hier ähnlich mathematisch wie in Tübingen ist, sind die Studierenden doch deutlich bewanderter in Theoriegeschichte und Literatur, da der Student hier schlicht zum Lesen gezwungen wird. Neben den normalen Klausuren gibt es daher Reading-Controls, in denen dann in einem Wachstumstheorie-Kurs auch mal die Originale von Solow, Ramsey, Swan und noch ein bisschen Begleitliteratur von Sala-i-Martin in einer einzigen Klausur abgerufen werden – und von diesen Controls gibt es dann vier im Semester. Ich habe noch nie eine solche Menge an ökonomischer Literatur gelesen – jetzt aber zum ersten Mal einen Eindruck von der Art, wie Forschung und Lehre auf fortgeschrittenem Niveau statt findet und wie der aktuelle Stand der ökonomischen Diskussion ist.
Bildungspolitik
Mit welchem Ziele bildet diese Fakultät einen Volkswirtschaftler aus? Nun, es geht schlicht darum, die Menschen auszubilden, die später die Wirtschaft des Landes lenken sollen. Viele VWLer arbeiten später in zentralen Institutionen (wie auch einige der Professoren unter anderem in der Chilenischen Zentralbank arbeiten), sodass die Qualität der Ausbildung nachher entscheidend dazu beiträgt, wie gut die Institutionen einer ganzen Volkswirtschaft funktioniert. Ein Text, der die Rolle der UN-Kommission für Wirtschaft in Lateinamerika (ECLA) evaluiert hat, weist dementsprechend auch auf die Rolle der Ausbildung der Ökonomen bei der Einführung einer „vernünftigen“ und stabilen Wirtschaftspolitik in Ländern wie Brasilien, Mexiko oder Chile hin, die sicherlich eine entscheidende war bei der Entwicklung dieser Volkswirtschaften