Wie studiert man heute VWL?
Dienstag 09. Dezember 2008 22:40 Alter: 3 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft
Von: Philipp
Wer von uns hat sich diese Fragen nicht schon gestellt: Wie wünsche ich mir mein Studium der Volkswirtschaftslehre? Was muss ich können als VWLer? Was macht ein Ökonom überhaupt? Auch uns als Fachschaft interessiert diese Frage – ist ihre Beantwortung doch entscheidend für unsere Aktionen und unsere Politik. Gerade wenn es um die Besetzung von Professuren geht, um die Umstellung auf den Bachelor und um die Ausrichtung des Studienganges Oder: Wie sollte man heute VWL studieren?
Während dieser Artikel einen Überblick über die Fragestellung und ihre aktuelle Bedeutung gibt, findet ihr auf den nachfolgenden Seiten den Blick ins Ausland: Wie studiert man dort eigentlich VWL? Schließlich möchten wir euch aufrufen, EURE Meinung zu sagen – schreibt einfach einen „Leserbrief“ an wzwmail@web.de! Eine Zusammenfassung gibt es dann demnächst auf unserer Homepage.
1. Warum diese Frage so schwierig zu beantworten ist
Wer entscheidet darüber, was Studierende lernen sollen? Wer legt die Anforderungen fest, die an einen Studiengang gestellt werden? Sind es die Studierenden mit ihren Interessen, sind es die Professoren, die den besten Einblick in die Materie haben? Oder sind es die Arbeitgeber, die Fä-higkeiten und Wissen definieren? Jeder dieser Gruppen scheint ein Anrecht darauf zu haben, mitzureden: Die Studierenden stimmen mit den Füßen ab, wenn ihnen ein Angebot nicht zusagt. Somit scheinen die Vorstellungen der Studienbewerber eine große Rolle zu spielen – wer das at-traktivste Angebot macht, zieht die Kunden an. Aber so einfach ist das nicht, denn je nach dem, wie weit die Studierenden in ihrem Studium sind, variieren die Antworten. Am Anfang möchte man möglichst wenig Mathe, hat man das einmal überwunden, so fragen die Studis nach Vertie-fung – und wählen die Politik ab, die ihnen zu unkonkret vorkommt. Nach welchem Jahrgang soll man sich also orientieren, nach den Erfahrenen oder den Unvoreingenommenen?
Von der Machtverteilung an der Universität aus sind es jedoch eindeutig die Professoren, die das Sagen haben: sie legen den Inhalt der Veranstaltungen fest, entscheiden über Professuren und schreiben den Studienplan. Und schließlich spülten die letzten Jahre eine Welle von Wirtschafts-vertretern an die Uni – in Absolventengesprächen, Round Tables und Verwaltungsräten, sogar die IHK redet inzwischen bei der Neueinrichtung von Professuren mit. In VWL jedoch ist dieses Phänomen erst wenig verbreitet – was vor allem daran liegt, dass es nur wenige „typische“ Ar-beitgeber für VWLer gibt – und die häufig mit der Universität und vor allem mit der Professo-rensicht noch eng verbunden sind. Welche Arbeitgeber bestimmen also das Anforderungsprofil eines VWL-Absolventen? Wirtschaftsforschungsinstituten oder der Vorstand einer Bank, NGOs oder Wirtschaftsredaktionen?
Drei Gruppen – drei Sichtweisen? Im Prinzip schon, und doch möchte ich als vierte und ent-scheidende den extern an uns herangetragenen Markt hinzuziehen: Der Markt für Studiengänge, Professoren, Forschungsleistungen – der aber außerhalb unserer Einflusssphäre steht. Dieser Markt beeinflusst uns durch Konkurrenzangebote genauso wie durch den Typ von Professor, der heute auf dem Economics-Arbeitsmarkt herausgebildet wird. Er fasst letztendlich alles zu-sammen, was wir nicht beeinflussen können und was außerhalb unserer Universität mit dem Fach „Economics“ passiert.
2. Wohin der Markt uns treibt
Wenn wir mitspielen wollen in Economics (also der Volkswirtschaftslehre, die forscht, die Poli-tik berät und an der Gestaltung des Wirtschaftsgeschehens teilnimmt), müssen wir mitgehen mit dem Markt, den die Economics-Lehrstühle, Organisationen und Institute für uns bereiten. Dort wird promoviert, quantitativ analysiert und modelliert, wird publiziert und gerankt; einfluss-reich sind die Ökonomen, die viel zitiert und oft erwähnt werden. Klar, dass dieser Markt einen bestimmten Typ von Wissenschaftler produziert, der eben nicht unbedingt deskriptiv unterrich-tet, Wirtschaft mit Kultur verbindet oder unter Wirtschaftsgeschichte Ideengeschichte versteht. So verändern sich auch die Zuschnitte von Professuren, Lehrveranstaltungen und Forschungs-arbeiten.
Auf der anderen Seite schießen in Deutschland gerade Lateinamerika- und Ostasien-Studiengänge aus dem Boden, werden gemischte Programme für Kultur, Philosophie und VWL angeboten – eine bunte, nicht mehr zu durchschauende Vielfalt an Angeboten tut sich auf, in der die Studierenden mit einem abgerundeten Wissen in vielen Teilgebieten entlassen werden, dass sie zu Generalisten macht – aber abseits vom echten „Economics“.
Schließlich wird International zur Pflicht. Alle gehen ins Ausland, Sprachen werden so oder so gelernt, zwei sollten es schon sein während des Studiums, Englisch versteht sich inklusive. Dann ist international keine inhaltliche Aussage und kein Qualitätsmerkmal mehr, sondern Standard und Bedingung, denn ohne international geht es nicht mehr – was bei VWL ja aber so oder so sinnvoll ist...
3. Die zentralen Fragen, die sich uns stellen:
- Können wir es uns leisten, uns so sehr auf Economics zu konzentrieren, dass unse-re Studierenden am Ende nichts von Schumpeter oder Jevons gehört haben? Mit Prof. Starbatty und Prof. Preusse ging und gehen die beiden letzten deskriptiv arbeiten-den Professoren unserer Fakultät. Dies soll kein Nachruf sein, sehr wohl aber ein State-ment für historische Zusammenhänge, Ideengeschichte und Allgemeinwissen – und da reicht es eben nicht, ein Buch zu lesen. Kaum ein Fach ist so breit angelegt wie VWL und kann so tief eingreifen in die Lebensbedingungen eines Menschen – und genau deshalb sollte ein VWLer auch ein Wissen über die empirische und theoretische Seite hinaus entwickeln!
- Brauchen wir noch ein Rahmenprogramm abseits vom Sprachen lernen und VWL? Die Idee des Studiengangs IVWL bestand darin, ein volles Volkswirtschaftsstudium zu studieren und darüber hinaus Sprache und Kultur einer Weltregion zu betrachten sowie in einer weiteren Wissenschaft die nötigen Analysetools zu lernen, um eine Region der Erde auch von anderen Seiten aus betrachten zu können. Durch den Bachelor ist letzte-res stark reduziert worden, kommt zu spät und steht in Konkurrenz zur VWL-Vertiefung – nicht verwunderlich, dass viele Studierende sich dagegen entscheiden. Doch: ist das ein Zeichen dafür, dass Politik oder andere Gesellschaftswissenschaften aus dem Curriculum fliegen sollten? Egal wohin wir blicken: zur VWL gehört immer ein Nebenfach, eine an-dere Sichtweise – eben weil Wirtschaft nur zu verstehen ist, wenn man die anderen Din-ge einer Gesellschaft auch betrachten kann – und das ist nicht nur die Sprache eines Landes.
- Wie studiert man die Wirtschaft in anderen Teilen der Welt? Früher gab es dazu Veranstaltungen für einzelne Regionen – heute wird behauptet, die Theorie sei auf jede Region zu übertragen, also reiche es, die Theorie zu kennen. Aber sind die Regionen der Welt inzwischen so gleich? Haben Globalisierung und Internationalisierung regionale Unterschiede aufgefressen? Weltweite Krisen scheinen dies zu bestätigen, Inflation funk-tioniert in allen Ländern gleich – aber wir sollten trotzdem wissen, warum man in La-teinamerika von ISI, in Nordamerika von Push and Pull und in Afrika vom Kolonialismus spricht. Und wer überträgt die Theorie auf die Regionen? Die Theoretiker, die darüber publizieren müssen auch irgendwo dafür ausgebildet werden, warum nicht im Studium eines internationalen Volkswirtes?
- In welcher Liga wollen wir spielen? Die Anpreisung unserer Studierenden spricht eine klare Antwort: Hier sind Menschen, die unsere Gesellschaft mitgestalten wollen. Unsere Rufe und (hoffentlich) kommenden Professoren auch: Wir wollen in die Klasse der weni-gen VWL-Standorte, die Zugang zu internationaler Forschung und nationaler Aufmerk-samkeit erhält.
Wer hat jetzt Recht? Wie lauten die Antworten? Dieser Artikel soll keine geben – aber er soll ein Diskussionsbeitrag sein, der zumindest dieses sagt: Wir brauchen ein VWL-Studium, das uns zu aktueller Forschung und Lehre in Economics hinführt – und wir brauchen ein VWL-Studium, das seinen Absolventen das Hintergrundwissen und den Weitblick für die Jobs dieser Welt vermit-telt. Es kommt nur auf die Mischung an.