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Wissenschaft in der Öffentlichkeit: Ein Pro und Contra

Mittwoch 23. Juni 2010 21:18 Alter: 2 yrs
Rubrik: Wissen & Gesellschaft

Von: Philipp Stiel

Die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise erfordert in immer schnellerem Tempo immer größere Rettungspakete in unfassbar erscheinenden Größenordnungen. Genauso wächst der Erklärungsbedarf in der Bevölkerung und in den Medien, die sich gerne an Wirtschaftswissenschaftler wenden, um kompetenten Rat zu erlangen. Wir fragen daher: Ist das überhaupt wünschenswert? Eine Streitgespräch in Pro und Contra! 

 

Pro: Nur wer mitredet, kann auch mitgestalten
Von Philipp Stiel

Manchmal gibt es sie, diese kostbaren Momente, in denen Wirtschaftswissenschaftler sich aus ihrem selbstgebauten Cocon aus Annahmen, Ja-abers und Ambiguitäten herauswagen und zu aktuellen, oftmals brennenden Fragestellungen der Wirtschaftspolitik Stellung nehmen. Dann akzeptieren sie, dass es neben der Forschungswelt auch noch eine reale Welt gibt, die auf ihre Antworten wartet – und geben der realen Welt die Chance, am wirtschaftspolitischen Kurs zu wachsen.

Leider aber passiert genau das viel zu selten, dabei gibt es sie doch, die wichtigen Themen, die ökonomischen Rat gut gebrauchen könnten – und zwar in dann, wenn sie von der Politik gelöst werden müssen: Soll der Staat jetzt sparen und wenn ja, wo? Wie würde sich ein Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion auf den Eurokurs auswirken? Soll die Europäische Zentralbank Staatsanleihen aufkaufen? Wie sollte die neue Eigenkapitalregulierung mit Basel III aussehen? An all diesen Fragen arbeiten täglich Politiker im Parlament, Regierungsbeamte in Ministerien und Funktionäre in internationalen Organisationen. Die könnten guten Rat gut gebrauchen – müssen sie sich schließlich in der häufig schnellen Tagespolitik auf die Basis der Forschung verlassen.

Dass dieser Rat alleine über einen Beirat hinter verschlossenen Türen erfolgen soll, erscheint in einer heilen Politikwelt nur logisch – ist aber in der Realität absurd. Wie schließlich hätte sich bei Politikern und der Bevölkerung die ökonomische Erkenntnis vom Wohlstandsgewinn durch Freihandel durchsetzen können, wenn nicht Ökonomen dafür auch in der Öffentlichkeit jahrzehntelang geworben hätten? Wie wäre der Keynesianismus jemals zu einer Form der Wirtschaftspolitik geworden, wäre er nicht so vehement auch öffentlich vertreten worden? Natürlich ist die Botschaft eines Handelsökonomen im öffentlichen Diskurs besser handhabbar als die eines Makroökonomen. Aber deshalb die Politiker – und die Bevölkerung, die diese Politiker überwachen soll! – im Stich zu lassen, kann ja auch nicht die Lösung sein.

Im Gegenteil: wenn der auch noch so fundierte ökonomische Rat nur in der Schublade verschwände, wäre keinem geholfen. Und Paul Krugmann hat vor zwei Jahren sogar noch bewiesen, dass es einem Ökonomen nicht schadet, sich stark in Debatte und Politik einzumischen und hat am Ende doch den Nobelpreis bekommen. Und genau diesem Beispiel folgend sollten unsere besten Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftler sich auch nicht in ihrem Zimmer einschließen, wenn die große Krise kommt, um sie dann nach ihrer Bewältigung erklären zu können. Nein, die Öffentlichkeit braucht eine wissenschaftlich angereicherte Diskussion und verständlich formulierte Empfehlungen, denen sie wieder vertrauen kann. Und manche Professoren brauchen auch einen (öffentlichen) Gegenspieler. Karlsruhe kann schließlich nicht alles lösen.

 

 

Contra: Bitte vernünftig forschen, statt populistisch zu posaunen
Von Jan Munz

Was dabei herauskommt, wenn Professoren versuchen, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge in Fünfminutenstatements in Nachrichtensendungen zusammenzufassen, konnten wir in den letzten Wochen zur Genüge beobachten: Im ersten Fall kommen dabei Allgemeinplätze heraus, die genauso gut sind wie die der meisten Politiker: sie tun niemandem weh, bieten aber auch keinen Erkenntnisgewinn. Im zweiten Fall sind da diejenigen, die ernsthaft versuchen, die komplexen Zusammenhänge zu erklären, dann aber daran scheitern, diese in der Kürze der Zeit allgemein verständlich zu machen und den Zuschauer genauso ratlos hinterlassen wie vorher. Im Fall drei schließlich werden die Dinge so stark vereinfacht, dass sie mit einer polarisierenden Meinung zwar Gehör finden und Aufmerksamkeit erringen, der Sache an sich aber überhaupt nicht gerecht werden.

Die Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft ist es, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erforschen und ihren Ursachen auf den Grund zu gehen. Ziel ist wissenschaftliche Erkenntnis, die (leider) in der Regel zu komplex für medienwirksame Statements ist. Wer wissenschaftliche Erkenntnis in die öffentliche Diskussion einbringen möchte, sollte dies in Form eines allgemein verständlichen Buches tun, das transparent und verständlich klar macht, worin ein Problem besteht und wie es gelöst werden könnte. Die Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen und Joseph Stiglitz z.B. gehen diesen Weg. Wer wissenschaftliche Erkenntnis in die politische Diskussion einbringen möchte, der hat die Möglichkeit, dies effektiv über diverse wissenschaftliche Beiräte und Beratergremien zu tun. Professor Claudia Buch geht diesen Weg. Wer hingegen versucht, öffentlichkeitswirksam in Interviews und Talkshows beide Ziele zu erreichen, erreicht in der Regel keines von beidem.

Der Ansatz der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler ist es, einen Ruf aufzubauen, der auf wissenschaftlich solider Forschung statt auf öffentlichkeitswirksamen Kurzstatements gründet, und der dann schließlich – auf Basis dieses Rufes –Professoren in politische Beratergremien führen kann und den Studierenden akademisch wie beruflich beste Voraussetzungen bietetDies ist aus studentischer Sicht zu begrüßen, auch wenn es in kurzfristiger Betrachtung vielleicht schmerzt, Professoren anderer Fakultäten in der Öffentlichkeit zu sehen – schließlich wird die öffentliche Wahrnehmung einer Universität häufig weniger durch wissenschaftliche Publikationen denn durch solche Medienauftritte geprägt. Schmerzlich muss man da dann aber zur Kenntnis nehmen, dass doch auch das Bild unserer Tübinger Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät durch Medienauftritte eines Professors geprägt wird – wenn auch eines ehemaligen, der mit platten Phrasen hausieren geht. Gerade hier wären etwas Zurückhaltung und ein Einbringen der Ideen in die wissenschaftliche Diskussion wohl eher angebracht als öffentliche Effekthascherei. Denn: Eine Universität sollte ein Hort wissenschaftlicher Erkenntnis sein, auf dessen Rücken keine politischen Gefechte ausgetragen werden sollten. Gerade die Wirtschaftswissenschaften, die durch ihre unglückliche Rolle bei der Vorhersage und Erklärung der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht das beste Ansehen in der Bevölkerung haben, sollten darauf achten, dass ihr Ruf durch leidige politische Diskussionen nicht noch weiter ramponiert wird. Forschung ist auch hier die beste Medizin.

 


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