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Zerfallserscheinungen

Sonntag 21. Dezember 2008 12:39 Alter: 3 yrs
Rubrik: Semester Santiago

 

Es ist Sonntagmorgen, 8 Uhr und 40 Minuten, noch 80 Minuten, bis mich mein Flughafentaxi abholt (wenn alles gut geht). Meine Welt zeit Zerfallserscheinungen. Mein Zimmer: leer und noch ein bisschen dreckig (aber ich werde es nicht saubermachen, sonst fällt der Schmutz der restlichen Teile der Wohnung noch mehr auf), der Kühlschrank enthält die üblichen Sachen, von denen man nicht weiß, was man mit ihnen vor einem großen Urlaub machen soll: Ein Rest Pesto, Butter, Marmelade, Knoblauchcreme und zum Glück noch die beiden Joghurts und das Obst, das ich mir gestern für mein letztes Frühstück in Santiago gekauft hatte.

Dies ist mein letzter Blogeintrag über meinen Aufenthalt in Santiago de Chile, allerdings wird es noch einen vorletzten geben, den es jetzt noch nicht gibt, da die Geschichten und Menschen, die ich euch darin vorstellen wollte in meinem Kopf schon gereift, aber noch nicht in die Tastatur geflossen sind. Mein letzter Versuch in einem Hostel in El Calafate scheiterte an einer für die deutsche Sprache völlig ungeeigneter Tastatur. Aber ich werde euch die Geschichten nachreichen, sie erfüllen meinen Kopf mit zu viel Leben, als dass ich sie euch vorenthalten könnte.

Meine alten Batterien hat vor einer halben Stunde gütlicherweise eine Apotheke entgegengenommen, die sich erbarmt haben, sie endlich in den Hausmüll zu schmeißen, nachdem weder der Supermarkt gestern noch die Tankstelle das Wort "Recycling" von "Wiederaufladen" unterscheiden konnten. Ich habe dann eingewilligt und meinen europäischen Sinn für Umweltschutz kurz zurückgestellt - vielleicht auch, weiß ich einfach überdrüssig war, die Batterien noch einen Tag weiter mit mir rumzuschleppen (Genauso wie die letzten drei Postkarten, die ich noch abschicken muss. Hoffentlich gibt es am Flughafen einen Briefkasten...).

Die Frau am Metro-Ticketschalter riet mir auf die Frage, was ich denn mit einem Metroausweis (BIP) mache, den ich vor vier Monaten für 1,50 Euro erworben habe und auf dem noch ein paar Euro mehr an Geld drauf sind. Sie meinte, ich sollte doch demnächst weniger drauf laden oder ihn einfach verschenken. Auf die Idee, dass ich ihn zurückgeben könnte und das Pfand wiederbekomme, kam sie nicht. Vielleicht handelt es sich nicht um Pfand.

Die Sachen mit dem Verschenken ist auch so eine Sache, gestern gab es beim Packen meines Koffers drei Stapel, ich kam mir ein bisschn vor wie Aschenputtel: Die Guten ins Töpfchen (der Koffer), die schlechten ins Kröpfchen (wird wohl eine Spende, aber eigentlich wollte ich es einem Chilenen weitergeben, der wirklich gar nichts hat). Dann gab es noch einen Stapel in der Mitte, auf dem die Klamotten lagen, die eigentlich für das Kröpfchen gedacht waren, aber mir jede zwei Minuten erneut zugerufen haben: "Ich bin deine Lieblingshose, nimm mich mit." oder "Überleg doch mal, wo du mich überall getragen hast, du kannst mir doch nicht einfach hier lassen". Von diesen Rufen habe ich mich noch nicht ganz erholt, aber ich nehme an, dass mich die Frau am Gepäckaufgabeschalter zur Vernunft bringen wird.

Während mein Körper jetzt also in Santiago ist, mein Kopf noch mehr oder weniger auf meiner Reise, vor allem in Buenos Aires, weiß mein Herz gerade nicht so ganz, was es denken und fühlen soll. Hinter sich eine weite Reise, eine Reise in eine fremde Kultur, in neue Gewohnheiten, zu neuen Freunden, durch tiefe Täler und schwere Stunden. Vor sich ein Weihnachtsfest, das es sich bei den sommerlichen Temperaturen nicht so recht vorstellen kann und natürlich das Wiedersehen mit den Lieben. So schwankt es, wird von Geräuschen, Gerüchen, Geschmäckern und Gedanken mal in diese und mal in jene Richtung gezogen, voller Vorfreude auf das Wiedersehen, voller Wehmut über den Abschied.

Ich kann es nicht schöner sagen, und so will ich es einem Chilenen überlassen, diese Geschichte zu beenden, dem vielleicht poetischten und größten Chilenen (nicht von der Seite der Macht gesehen, vielleicht aber von der Seite der Macht der Wörter), Pablo Neurda:

                                  "Hoy es hoy, y ayer se fue. No hay duda."


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